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...wie auch wir vergeben unseren Schuldigern PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Samstag, den 19. Juni 2010 um 14:36 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

 

Sie sitzen daheim im Sessel, lesen ein Buch. Alles ist ganz still.

Plötzlich ein Knall, es klirrt - dann ist wieder alles still.

 

Jeder würde aufstehen und nachschauen gehen, oder nicht?

 

Oder am Steuer! einer kommt mir entgegen, ein Schaben, ein Knirschen, offenbar hat man einander touchiert! Ich denke, jeder von uns würde anhalten, rumgehen ums Auto, den Schaden suchen, begutachten; schmerzlich natürlich, die Beule oder der Kratzer im Lack,

 

aber man muß ja hinschauen, damit man nachher entscheiden kann, wie man weitermacht: ist was passiert? muß man was regulieren? Wer war Schuld, wie groß ist der Schaden und wer muß was an wen eventuell zahlen? Erst dann kann man einsteigen und weiterfahren, übergehen zur Tagesordnung.

 

Mit dem Auto sind wir da sorgfältig, allgemein wohl mit unserem Hab und Gut.

 

Aber nicht ganz so achtsam sind wir manchmal vielleicht mit den Lackschichten unserer Seele.

 

Da wird ja auch immer wieder touchiert, kommt es zu Kollisionen: andere treten uns zu nahe, tun uns Unrecht in irgendeiner Form, werden schuldig an uns -

 

es entsteht Ärger, Verstimmungen, Spannungen; aber auszuräumen, zu bereinigen und zu versöhnen, das gelingt manchmal einfach nicht.

 

Vielleicht verdrängen, ja; wegschieben; irgendwo in eine finstere Ecke unserer Seele abzuschieben;

 

und dann beten wir das Vaterunser und stocken, da wo es heißt, "Vergib unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

 

Andere haben uns irgendwas angetan, was Kleines - oder auch was sehr Großes; uns gelingt es nicht, zu vergeben, Schwamm drüber zu sagen und aus ehrlichem Herzen zu vergessen - und: wir haben auch noch ein schlechtes Gewissen dabei.

 

Und warum?

 

Es mag tausende von Gründen geben. Manchmal spielt vielleicht aber eine Rolle, dass wir den Schaden nur krampfhaft versuchen zu ignorieren. Wir regulieren ihn nicht, sondern wir schieben ihn weg.

 

Nicht wie beim Auto, wo wir drumrumgehen und den Kratzer, die Beule ausdrücklich suchen, vielleicht mit der Hand drüber fahren, ein Foto machen - sondern wir weichen aus.

 

Warum tun wir das?

 

Schauen wir uns an, was da vielleicht in uns vorgeht.

 

Wir sind Menschen, endliche, fehlerhafte Menschen; und wir sind auf unsere Mitmenschen und auf wechselseitige Anerkennung angewiesen.

 

Wenn uns jemand diese Anerkennung verweigert, in irgendeiner Form, eine Beleidigung zum Beispiel - dann ist das Zusammenleben gestört - weil mir der andere etwas vorenthält, was ich aber brauche.

 

Lassen wir einmal die Situation beiseite, in der ich die Schuld trage an der Störung. In der ich sozusagen Täter bin.

 

Nehmen wir den anderen Fall, in dem ich Opfer bin, auch wenn mir natürlich klar ist, dass das so einfach nie getrennt werden kann.

 

Aber wenn ich eine Klärung haben möchte für einen Fall, in dem ich mich geschädigt, beleidigt, verletzt fühle, dann gehe ich idealerweise zur Klärung an den Stationen entlang, die sind denen gar nicht so unähnlich, die der Täter geht.

 

1. Der kommt seiner eigenen Schuld auf die Spur, indem er sein Gewissen befragt.

 

Und letztlich muß ich als das Opfer auch erstmal in mich gehen und mich fragen: worum geht es? was hat mich verletzt?

 

Welcher Schaden wurde mir zugefügt? Warum habe ich etwas als Beleidigung aufgefasst? Wo wurde ich als Subjekt nicht anerkannt? Was verdränge ich, was hab ich vielleicht kompensieren wollen mit einem Gegenangriff, mit Agression?

 

2. Und so wie der Täter an diesem Punkt der Überlegung vielleicht Reue empfindet, so kommt das Opfer an diesem Punkt zu der bewußten, wohlüberlegten Erkenntnis:

 

Hier ist eine Beziehung gestört - und ich bin nicht schuld dran.

 

Die Verantwortung liegt beim anderen.

 

Hier muß ich mir meine Ohnmacht eingestehen, auch, dass ich verletzlich bin; und ich muß einen anderen brandmarken als schuldig.

 

Sie erinnern sich jetzt vielleicht an das Sprichwort, wer mit dem Finger anklagend auf einen anderen zeigt, zeigt immer gleichzeitig mit mindestens drei Fingern auf sich selbst.

 

Trotzdem ist es für eine Klärung wichtig, dass man beschreiben kann: was habe ich als Störung dieser Beziehung empfunden?

 

Dass der andere mir irgendwo vielleicht seine Anerkennung abspricht, heißt nicht, dass ich diese Bewertung sofort übernehmen muß. Vielleicht ist es richtiger, die eigene Wertigkeit eben nicht in Frage zu stellen, sondern würdig zu reagieren

 

- und damit vielleicht auch eine Aussprache möglich zu machen, in der die Störung - nicht der Störer - benannt, beklagt, bezeichnet werden kann.

 

Das gibt dem anderen auch die Chance auf Wiedergutmachung. Die Chance, Bedauern zu zeigen, Reue, vielleicht um Vergebung zu bitten, Genugtuung zu leisten. Und die kann dann zur Versöhnung führen, wenn sie auch akzeptiert wird.

 

Oft funktioniert das zwar nicht; der andere will vielleicht davon überhaupt nichts hören. Oder ist schon gestorben.

Oder es gibt sonst einen Grund, warum es nie zu einer Aussprache kommen wird.

 

Trotzdem ist es wichtig, Schuld zu benennen und auch zuzuschreiben, wo sie hingehört. Wie soll ich sonst je imstande sein, sie auch loszulassen.

 

Und das ists doch worum es in der Zeile aus dem Vaterunser geht: Vergib unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

 

Es mag richtig sein, Schuld anzuschauen und zu benennen - und sei es nur, um sich dann ganz bewußt von ihr und von dem Vorwurf an einen anderen zu verabschieden.

 

Und wir haben eine hohe Verantwortung, auch in Bezug auf die Schuld von anderen an uns!

 

(Joh 20,23)"Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben - und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten." - wenn ich gar nicht benennen kann, worin die Sünde besteht, wenn sie verschwiegen wird, dann wird sie auch nicht weggenommen.

 

Die Schuld verschwindet nicht, indem sie verschwiegen wird, im Gegenteil.

 

- denken Sie an den Mann, der da nachts vom Schlaflosen einen Anruf kriegt und nur gefragt wird: "Fühlen Sie sich schuldig? Herr Hunke, hören Sie mir bitte gut zu. Es ist alles entdeckt. Alles. Verstehen Sie,ich möchte Ihnen raten, fliehen Sie, solange Ihnen noch Zeit bleibt.“

 

Der traut sich noch nicht mal nachzufragen, ans Licht zu holen, wovon denn die Rede sein soll. So verdeckt und geheim ist die Schuld, dass sie ein Leben zerstört, ganz ohne Anklage!

 

Verschwiegene Schuld, nicht benannte, ergriffene Schuld, sie isoliert den Täter von der Gemeinschaft - sie gibt ihm das Gefühl, allein zu sein; und sie schließt den Täter auch von Gott ab, auf die Dauer.

 

Wir sollten nicht die Augen verschließen vor Schuld, nicht vor fremder, nicht vor eigener, weil Gott es auch nicht tut.

 

Diese Wahrnehmung von Schuld, auch von Schuld an mir, sie kann nichts ungeschehen machen. Nichts schlimmer machen, - aber auch nicht das Rad der Zeit zurückdrehen.

 

Schuld bleibt im Tiefsten ein nicht rückgängig zu machender Schaden, und mit jeder Tat - sie sei gut oder böse - verändern wir das Leben und die Welt.

 

Welche Verantwortung! Und sich der Verantwortung stellen heißt manchmal auch, neu ermöglichen, dass Menschen miteinander und mit Gott leben können.

 

Ich schließe mit einer Geschichte von Bob und seinem Kumpel - beide mit einer Leidenschaft fürs aufreißen, sich besaufen, mit Waffen rumballern. Sein Kumpel war älter als er und er bewunderte ihn.

 

Eines abends kamen die beiden sturzbetrunken nach Hause und der Kumpel vergewaltigte Bobs Schwester. Bob wusste genau, was dort passierte. Aber er traute sich nicht, einzugreifen. Wie gelähmt tat er nichts.

 

Sein Freund war stärker, er war ausgebildeter Soldat und er war besoffen. Für den nicht einmal 18jährigen Bob war klar:

 

ich bin Schuld daran, dass meine jüngere Schwester vergewaltigt wurde.

 

Diese innere Botschaft trug er jahrelang mit sich herum. Erst die Therapie machte ihm klar, dass er über Jahre eine Schuld mit sich herumgetragen hatte, die nicht seine war.

 

Also setzte Bob sich hin und schrieb einen Brief an seinen alten Kumpel (der Kontakt war schon lange abgebrochen). In dem Brief teilte er ihm mit, dass er nicht länger bereit war, stellvertretend die Schuld des Freundes zu tragen.

 

Er schrieb, "ich gebe sie dir zurück. Du hast meine Schwester vergewaltigt, nicht ich. Ich habe sie jetzt 15 Jahre für dich herumgetragen und bin fast kaputt gegangen daran.

 

Aber das ist fortan dein Problem, nicht mehr meines."

 

Der große Satz des Apostels aus dem Timotheusbrief bleibt stehen: Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder zu erlösen, unter denen ich der erste bin.

 

Aber wenn ich genau differenziere, was ich wem zu vergeben habe - vielleicht gelingt es mir dann auch eher, zu vergeben.

 

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern - das wird immer ein schwieriger Satz im Vaterunser bleiben, vielleicht auch eine Anfechtung, ein Stachel.

 

Und wenn wir beten, abends, vor dem Einschlafen, mittags beim Glockenläuten - schauen Sie nicht nur auf das, was Sie an diesem Tag falsch gemacht haben, wo Sie Unrecht getan haben - sondern schauen Sie auch auf das, wo andere Ihnen Unrecht getan haben, wo Sie etwas zu vergeben haben. Nehmen Sie das ganz ernst.

 

Nehmen Sie einander ernst - auch den, der in Ihrer Schuld steht.

 

Und tun Sie es auch, wo immer Sie es können - und lassen Sie sich von Gott selber dabei helfen.

 

Bonhoeffer sitzt im Gefängnis, und er hat wahrhaftig allen Grund, sein Herz zu verschließen und seinen Bewachern, seinen Richtern und seinen späteren Henkern alles mögliche an den Hals zu wünschen.

 

Er handelt anders: Jeden Abend schließt er sie ein in sein Gebet.

 

Machen Sie sich dieses Gebet, diesen Abschnitt daraus zu eigen. Dort heißt es:

 

Vergib alles Unrecht dieses Tages - und hilf mir zu vergeben, wo mir Unrecht getan worden ist. Amen...

 

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