| das Leben aus der Hand geben: Ewigkeitssonntag |
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| Geschrieben von: Kathrin Frowein |
| Samstag, den 19. November 2011 um 17:57 Uhr |
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Liebe Brüder und Schwestern,
wer stirbt, der legt sein Leben anderen in die Hände. Vielleicht ausdrücklich - ich denke an die Worte von Jesus am Kreuz.
Er sagt zu seinem himmlischen Vater: in deine Hände befehle ich meinen Geist.
Aber auch wer gar nicht einverstanden ist damit, das Leben loszulassen, auch der überlässt sein Leben und die Deutung seines Lebens letztlich anderen - gewungenermaßen.
Zuallererst überlässt der Sterbende sich und sein Schicksal uns, denen, die ihn überleben. Die zurückbleiben.
Viele von uns haben im vergangenen Jahr, die meisten schonmal irgendwann in ihrem Leben einen Sterbefall mitteilen, vielleicht auch eine Todesanzeige formulieren, ein Sterbebild in Druck geben müssen.
Viele erinnern sich mit großem Unbehagen an den Moment, in dem sie schwarz auf weiß gesehen haben, wie das Geburtsdatum zum ersten Mal dem Sterbetag gegenübergestellt war; Zeit und Ort des gelebten Lebens sind fixiert, die Zeitspanne der Jahre benannt - mehr gibt es nicht mehr.
Die Lebenden müssen den Tod mitteilen, müssen Worte finden - und schon darin beginnen wir, die Überlebenden, damit, den Tod dieses Menschen und damit auch sein Leben zu deuten und einzuordnen
- wir Trauernde, Zurückbleibende müssen unser Leben neu ordnen; und der Verstorbene, die Verstorbene muss sich das gefallen lassen, eingeordnet zu werden.
Das betrifft ja auch den eigenen Leib; ihn zu betten und zur letzten Ruhe zu geleiten kann man zwar selber vorbereiten, aber nicht selbst durchführen.
Man muss es anderen überlassen,
und das setzt sich fort darin, dass es andere, dass es die Überlebenden sind, die auslegen, wie der Tote, die Tote vielleicht das Testament gemeint hat, was er oder sie gewollt hat mit seinem, ihren Leben und wie er oder sie in Erinnerung bleiben wollte.
Allein schon die Frage, wen man mit drunterschreibt unter den Namen des Verstorbenen; wer sind die engsten Angehörigen? wer gehört dazu, wer nicht?
Wer möchte denn da an erster Stelle dem Verstorbenen verbunden bleiben über den Tod hinaus? Das Gefüge wird beschrieben, das Netz aus Beziehungen, in dem jetzt einer fehlt - dabei würde der Verstorbene selber vielleicht andere benennen, die ihm zuletzt wichtig waren?
Oft werden Lebensverdienste benannt in der Traueranzeige. Berufliche Dienstgrade, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Adelstitel vielleicht oder Mitgliedschaften in ehrenvollen Vereinigungen;
die eigene Lebensbilanz eines Menschen auf seinen letzten Schritten zum Tod kennt man ja oft auch gar nicht. Man weiss vielleicht gar nicht, wie glücklich oder unglücklich der Mensch selbst, als er noch lebte, auf seine Lebensleistung geschaut hat. Was war ihm wichtig, was hat ihn stolz gemacht? Ob es wirklich das Bundesverdienstkreuz war?
Am Ende des Lebens wird manchmal scheinbar Belangloses wichtig;
und manchmal sind es gar nicht nur die Erfolge und die sonnigen Stunden, die einen Menschen zufrieden machen im Blick auf das eigene Leben. Manchmal sind es gerade die schwierigsten Momente, die gemeistert oder auch nur durchlitten zu haben ganz wichtig war -
und manche tiefe spirituelle Wahrheit liegt begraben in den Trümmern menschlichen Lebens.
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man umso mehr suchen - und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern, sagt heute das Evangelium,
und dieser Zusammenhang ist manchmal so ungerecht und so schmerzlich - und trotzdem oft einfach wahr.
Jeder Mensch hat ein Bild von sich selbst, und mancher, wahrscheinlich praktisch jeder muss am Ende des Lebens schmerzlich feststellen: da ist eine Dissonanz zwischen meinem Bild von mir selbst - und dem, wie ich gelebt habe.
Ich hatte Gaben und Anlagen, und ich hatte Chancen und Aufgaben - die hätten mich zu einem bestimmten Menschen machen können, darauf war ich vielleicht angelegt -
aber ich bin nicht so geworden. Jedenfalls nicht weit genug so geworden. Ich bin hinter meinen Möglichkeiten da und dort zurückgeblieben.
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern -
Dieser Stachel sitzt sicher tief in manchem Menschen, der Bilanz ziehen muss. Und nur sehr tiefes Gottvertrauen, Vertrauen auf die Gnade Gottes leistet dem Stich dieses Stachels Widerstand.
Und manches mal geht einem oder einer in solchen Stunden vielleicht sogar durch den Kopf: warum hab ich mich so engagiert? Warum hab ich ihn oder sie bloß so lieb gehabt? wenn wir einander nicht gar so fest verbunden wären, dann würde der Tod jetzt nicht so weh tun, hätten wir es in der Trauer, nach dem Abschied leichter.
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern -
der Schmerz beim Abschied von einem geliebten Menschen ist manchmal der Preis für eine beglückende, liebevolle Beziehung, manchmal aber auch nur der Abschluss einer Verstrickung, die viele Hoffnungen unerfüllt und viele Sehnsüchte offen gelassen hat. In jedem Fall ist der Schmerz beim Tod der preis für Verstrickung, Engagement, Leidenschaft und auch Liebe.
Der Mensch sehnt sich nach Ewigkeit. Er sehnt sich nach einer bleibenden Bedeutung, er möchte irgendwo das zeitlich-irdische überschreiten und das Ewige berühren. Ausdruck dieser Sehnsucht sind die Religionen.
Der Mensch soll aber nicht ewig leben - das steht schon in der Bibel, Gen 3,22: Adam und Eva haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, verbotenerweise, und jetzt fliegen sie raus aus dem Paradies, warum? "Nun aber: dass der Mensch nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!"
Und im Psalm 90 heisst es, unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, "denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon."
Wir Menschen sind nicht gemacht für die Ewigkeit, aber Gott ist ewig. Zeit ist das ständige Nacheinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Gott dagegen ist allen Zeiten zugleich gegenwärtig, Gott ist stehende, unteilbare Gegenwart -
und drum ist auch sein Wort ewig und seine Gnade, seine Herrschaft und sein Ratschluss und seine Treue, seine Gerechtigkeit, sein Bund und vor allem seine Liebe.
Der Mensch möchte Ewigkeit und hat sie nicht - aber zum Glück steht Gott in enger und liebevoller Verbindung zu all dem Veränderlichen, Zeitlichen, das wir erleben; das ist der Grund für diesen Gottesdienst, für jeden Gottesdienst
- dass wir einen Moment innehalten, verweilen - uns der Herrschaft der vergehenden Zeit einen Augenblick entziehen und erlöste Zeit erleben, einen Moment lang eins sind mit dem Unendlichen, mitten in unserer Endlichkeit.
Daraus könnte uns auch wieder ein Gefühl erwachsen für die Wertschätzung Gottes - wie liebevoll Gott auf unsere Erdentage schaut, wie kostbar sie ihm sind und wie kostbar sie uns deshalb selber sein sollten, auch wenn wir nicht genug leisten können, nicht stark genug, nicht schön genug, nicht erfolgreich genug und ewig mit uns unzufrieden sind.
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er an diesem Bruch selber zu zerbrechen drohte - dass wir Menschen nie gut genug leben können, dass wir diese Ewigkeit verdienen würden, nach der wir uns doch so sehr sehnen.
Und er hat uns seinen Sohn geschickt, damit er eine Brücke baut. Jetzt kommt bald wieder Weihnachten, und wir versuchen zu verstehen, dass Gott uns seinen Sohn anvertraut hat als kleines Kind -
aber heute, am Ewigkeitssonntag und im Anbetracht von diesen vielen Lebenslichtern unserer Verstorbenen führen wir uns auch vor Augen, dass Gott uns, unsere Toten und auch die, die noch leben, seinem Sohn anvertraut hat.
Uns alle, auch die Toten, hat Gott voll Vertrauen in die Hände seines Sohnes gelegt und gesagt, rette sie! Hol sie raus aus dieser Falle, dass sie nie so leben können, wie sie sollen. Rette sie!
Gott hat Jesus unglaublich viel anvertraut - und er hat unglaublich viel von ihm gefordert. Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung - und sein Leben. Alles, was er hatte. Ihm war viel gegeben, und so wurde viel bei ihm gesucht. Ihm war viel anvertraut, und es wurde unglaublich viel von ihm gefordert.
Die Ewigkeit ist keine innerweltliche Möglichkeit. Schon als kleines Mädchen haben mich Heiligenlegenden fasziniert, Geschichten von Menschen, die so gut waren, dass es keiner fassen konnte - die so leidenschaftlich gelebt haben und geliebt, die so aufrecht waren und so viel Schmerzen ertragen haben und so viel Widerstand -
und trotzdem haben sie sterben müssen wie alle anderen.
Der Mensch soll nicht ewig leben. Unruhig ist unser Herz, sagt Augustinus, und zwar: bis es Ruhe findet in dir.
Wir sind nicht gemacht für die Ewigkeit, aber Gott ist ewig, und er gibt uns Anteil an seiner Ewigkeit; Jesus Christus hat die Tore zu dieser Ewigkeit aufgerissen. Das schenkt der Seele Frieden. Sonst nichts.
Nur die endlich erfahrene völlige Gegenwart Gottes, seine ewige Präsenz, die lässt den Menschen in Frieden ruhen.
Deshalb sind wir nicht einfach irgendwelche Lebewesen, die dem Tod entgegengehen; sondern wir alle gehen dem Advent entgegen!
So wie wir diese ganze Woche auf den Kalender schauen können und uns sagen können, wir gehen dem ersten Adventssonntag entgegen und feiern bald schon die erste Ankunft Gottes, die Geburt im Stall von Betlehem
- genauso können wir alle in unserer Trauer um unsere Toten sagen, wir gehen der Wiederkunft Jesu Christi entgegen, wir gehen dem Tag entgegen, an dem Gott wiederkommt in diese Welt und die Zeit zu Ende ist und wir alle zusammen mit denen, die schon gestorben sind, endlich Gott erfahren,
endlich Anteil bekommen an ihm und an seiner Ewigkeit -
und unsere Seele Ruhe finden wird in Gott.
Darauf zu leben wir,
und dahinein fallen wir, wenn wir sterben -
dahinein geben wir unser Leben ab, wenn wir sterben.
Wir überlassen uns nicht nur den Überlebenden und ihren Deutungen unseres Lebens, sondern wir tauchen ein in die Präsenz Gottes, in die Ewigkeit Gottes und seine Gnade, in seine Deutungen unseres Lebens.
Und während wir hier immer wieder das Leben neu ordnen müssen, damit leben müssen, dass alles im Fluss ist aus Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft,
und unser Herz unruhig ist,
wird es dort Ruhe finden in Gott und endlich ewigen Frieden. Amen. |