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1 Korinther 1, 26-31 von Thomas Lotz PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, den 11. Januar 2012 um 09:30 Uhr

 

Predigt über 1 Kor 1, 26-31

Laudatekirche Garching
08.01.2012 1. Sonntag nach Epiphanias

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

 

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Liebe Gemeinde!

Warum sind wir Christen? Warum eigentlich? Das ist eine komische Frage; wir merken gleich beim ersten Hören, wie diese Frage sich irgendwie schwierig anfühlt. Warum sind wir Christen?

Es gibt ein paar einfache Antworten, die aber offenkundig zu schlicht sind: Man könnte sagen, ich bin Christ, weil ich getauft bin. Warum bin ich getauft? Weil meine Eltern das nach meiner Geburt so entschieden haben und mich taufen ließen. Das ist sicher nicht ganz verkehrt, aber es fehlt da offensichtlich etwas, sonst wäre es nicht möglich, dass jemand, der als Kind getauft ist, sich später vom Christentum offen lossagen kann und dann doch kein Christ ist. Der Wille der Eltern kann also bestenfalls eine Richtung vorgeben, in die sich jemand orientiert, aber man kann nicht sagen, ich bin Christ, weil meine Eltern das so wollten.

Man könnte auch sagen: Ich bin Christ, weil ich in Europa geboren und aufgewachsen bin, einem Teil der Erde, der seit weit über 1000 Jahren vom Christentum geprägt ist und in dem es viele Jahrhunderte lang gar nichts anderes gab als Christen. Dann wäre das Christsein also eine Frage der Geographie. Aber wir wissen, dass das nicht immer so war, und dass jemand, der hier in Bayern vor 1500 Jahren geboren wurde, höchstwahrscheinlich nie ein Christ wurde, während im Mittelmeerraum das Christentum längst florierte. Und wir ahnen, dass das in ein paar Jahrzehnten auch mal wieder dahin kommen könnte, dass Mitteleuropa nicht mehr so stark christlich geprägt ist und sich das Zentrum des sichtbaren Christentums auf andere Kontinente verschiebt, etwa nach Afrika. Die Geographie macht es also auch nur mehr oder weniger wahrscheinlich, ob ich etwas vom Christentum erfahre; aber man kann nicht sagen, ich bin Christ, weil ich in München geboren oder in Hamburg aufgewachsen bin.

Warum sind wir Christen? Wir merken, wie seltsam es klingt, das an familiären oder geographischen Zufälligkeiten festmachen zu wollen. Aber woran dann? Man könnte antworten: Ich bin Christ, weil ich es so will. In der Tat gibt es eine lange Tradition, die den christlichen Glauben vor allem als eine Willenssache ansieht. Man nennt das auch „Entscheidungschristentum“, weil es davon ausgeht, dass es ganz auf meine persönliche Entscheidung ankommt, ob ich ein Christ bin oder nicht. Will ich es, so bin ich es, will ich nicht, bin und werde ich auch kein Christ.

Das Schwierige an einer solchen Sichtweise ist, dass sie allzu sehr unserem sonstigen Verhalten als Konsumenten entspricht: Täglich entscheide ich mich für das eine oder andere Produkt, die eine oder andere Dienstleistung: Das will ich haben, dieses Angebot will ich nutzen, und jenes nicht. Wenn man dieses Entscheiden als Konsument, das so fest in uns drin steckt, zu Ende denkt, dann wird die Frage „Christ oder nicht“ zu einer Frage von der Art: Milka oder RitterSport? BMW oder Audi? Mallorca oder Gardasee? Und da ist doch auch wieder etwas ganz schief.

Warum sind wir Christen? Für Paulus ist das eine ganz klare Sache: Weil Gott es so will. Das klingt erst einmal eigenartig, aber wenn man es zu Ende denkt, dann kann es gar nicht anders sein als dass der christliche Glaube von Gott gestiftet wird, dass wir von ihm dazu angestiftet werden.

Paulus selbst hatte das so erfahren: Wir kennen den Bericht von seiner Berufung auf dem Weg nach Damaskus, und wir wissen, wie sehr er diesen Wendepunkt seines Lebens als etwas von Gott Ausgelöstes empfunden hat, nicht als seine eigene Entscheidung. Er hat sich eben nicht hingesetzt, ein paar schlaue Bücher gelesen oder mit ein paar klugen Leuten geredet und sich dann entschieden, es wäre doch besser, Christ zu sein und sich taufen zu lassen – nein, Gott zwingt ihm den Glauben, den er bis dahin als gefährliche Irrlehre verfolgt hatte, förmlich auf. Er kann gar nicht anders, als dazu Ja zu sagen, er kann gar nicht anders, als sich in den Dienst als Apostel des Gekreuzigten und Auferstandenen berufen zu lassen. Zu entscheiden gibt es da nichts, es kommt einfach so auf ihn zu.

Warum sind wir Christen? Probieren wir es doch einmal mit dieser Antwort des Paulus: Weil Gott es so will. Aber warum denn ich gerade? Paulus, ok, wir wissen ja, was er für die weitere Entwicklung des jungen Christentums geleistet hat. Aber warum gerade ich? Ich Durchschnittsbürger, ich Arbeitnehmer oder Rentnerin, ich Normalkonfirmand oder Durchschnittsstudent. Weit und breit nichts Besonderes, was begründen könnte, warum Gott ausgerechnet MICH will. Wieso ich?

Diese Frage ist berechtigt, und sie ist nicht neu. Paulus hat darauf eine Antwort versucht, in seinem 1. Brief an die Jesusgemeinde in Korinth, gleich im 1. Kapitel. Da heißt es:

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Liebe Schwestern und Brüder, jetzt sind wir doch irgendwie von einem Extrem ins andere gefallen. Warum soll Gott ausgerechnet mich erwählen, berufen, ich bin doch nichts Besonderes - so hatten wir gefragt, und kriegen jetzt von Paulus gesagt: Gott sucht gar nicht nach den Starken, Mächtigen, Angesehenen, Weisen; Gott sucht nicht nach potentiellen Hochleistungschristen, sondern nach genau dem Gegenteil: Nach den Schwachen, nach den Geringen und Verachteten.

In diese Gesellschaft möchten wir aber nun auch wieder nicht gehören, da sträubt sich etwas in uns. Können wir als Christen nicht ganz normal, durchschnittlich und unauffällig sein, müssen wir uns von Paulus sozusagen an den Rand unserer Gesellschaft schreiben lassen, zu denen, die ganz klar „unten“ stehen und „out“ sind? Wer von uns will schon gerne schwach sein, machtlos und von zweifelhaftem Ansehen? Oder gar „töricht“, wie es hier heißt, also nicht so ganz hell im Kopf?

Dass Gott gerade auch die Törichten und Schwachen erwählt hat, das ist kein Selbstzweck. Es steckt auch nicht irgendeine Sozialromantik dahinter. Nein, es geht um etwas anderes: Das „Rühmen“ soll ausgeschlossen sein, also der Stolz der Starken und Erfolgreichen auf ihre Stärke und ihren Erfolg. Die haben es schwerer, Christen zu werden, weil sie ihr Ansehen und ihre Macht eben als „Ihres“ betrachten und gar nicht auf die Idee kommen, dabei an Gott zu denken. Sie stehen sich mit ihrer Weisheit und ihrer Stärke und Macht selbst im Weg. Denn in Wirklichkeit ist vor Gott ja jeder Mensch schwach und töricht. Vor Gott gibt es also gar keine Starken und Mächtigen, es gibt keine Weisen und Angesehenen. Die Frage ist nur, wer sich dessen bewußt ist, und wer nicht. Diejenigen, die etwas haben, worauf sie sich etwas einbilden können, tun sich damit schwer.

Noch einmal Paulus:

was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist…“

Liebe Gemeinde,

diese Worte verweisen direkt auf den, der die Schwachheit bewußt und freiwillig wählte: auf Jesus von Nazareth. Wir haben vorhin in der Lesung gehört, wie der Prophet Jesaja in seinen Liedern vom leidenden Gottesknecht den Gedanken entstehen läßt, dass der Retter seines Volkes nicht triumphierend und machtvoll kommen wird, sondern gerade als ein Ohnmächtiger und Verachteter, der andererseits auch selbst die Liebe Gottes zu den Menschen auf der Schattenseite des Lebens verkörpert: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ heißt es da schon bei Jesaja. Jesus Christus, wie ihn die Menschen erleben, ist genau ein solcher, der diese Option der Schwäche und der Ohnmacht verkörpert, der am Ende mit das Schlimmste erleidet, was Menschen erleiden können, um zu zeigen, dass es nichts gibt, was Gott zu abgründig und zu grausam ist, dass er auch da ist, wo Menschen ganz, ganz klein sind, am Boden zerstört und von Schmerzen gequält.

Warum sind wir Christen? Nun, sagt Paulus, wir sind es, weil an uns Schwachheit und Ohnmacht sichtbar wird, in welcher Form auch immer. Darüber kann jeder wohl am besten für sich selber nachdenken. Jedenfalls gilt: Die christliche Gemeinde ist keine Versammlung von Vorzeigemenschen, die jederzeit in einem Werbefilm für das gute und erfolgreiche Leben auftreten könnten. Durch die christliche Gemeinde zieht sich vielmehr alles an Fehlern, Schwächen, Problemen und Ratlosigkeiten hindurch, was es unter Menschen so gibt. Dass wir das wissen und uns trotzdem nicht irgendetwas ausgraben und vor uns hertragen, worauf wir doch noch ordentlich stolz sein könnten – dass wir das wissen und uns dennoch trauen, zu Gott zu kommen und seine Gemeinde zu sein, das macht es, dass wir Christen sind.

Weil Gott das Schwache und Ohnmächtige erwählt hat, gehört es dann zu unserer Berufung als Christen, dass wir uns für die Schwachen in unserer Gesellschaft einsetzen und dafür sorgen, dass ihre Würde gewahrt bleibt – weil Gott ihnen besonders nah sein will, gegen alle Maßstäbe unserer Leistungsgesellschaft, weil sie uns daran erinnern, wie schwach und machtlos der Mensch an sich ist, jeder Mensch.

Der am Kreuz, an dessen Herkunft von Gott wir glauben, ist dafür das größte Zeichen, und von ihm her wird aus unserer Schwäche am Ende doch Stärke, wird aus unserer Ohnmacht doch Macht – aber nicht unsere, sondern seine. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen in Christus Jesus, Amen.

Pfarrer Thomas Lotz, Unterschleißheim

 

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