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Es kann ja nicht schaden! 2 Kön 5, 9-15 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Samstag, den 21. Januar 2012 um 14:57 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

 

Niels Bohr war ein Physiker.

Ich hab mich gewundert zu hören, dass er ein Hufeisen über der Tür hängen gehabt haben sollte; ein Physiker glaubt dran, dass es Glück bringt, ein Hufeisen über die Tür zu hängen?

 

Auch Zeitgenossen von ihm haben sich gewundert.

Sie haben ihn drauf angesprochen.

 

Und er soll geantwortet haben:

Ich hab gehört, dass es auch dann was hilft, wenn man nicht dran glaubt.

 

Vielleicht hat Niels Bohr diese Bibelgeschichte von heute gekannt - von dem großen Heerführer, reich, erfolgreich, angesehen, der verzweifelt über seiner Hautkrankheit -

 

der auch verzweifelt, weil man ihm bei seiner Reise ins Feindesland auf der Suche nach Heilung zunächst beim König und später beim Propheten mit Feindseligkeit begegnet, mit Missverständnissen und mit unglaublicher Unhöflichkeit.

 

Der Mann muss getobt haben vor Zorn,

aber er blieb in all seiner Wut offen für das, was ihm seine Diener sagen.

 

Er hat nicht verlernt, "nach unten" zu hören.

Auf das zu achten und ernst zu nehmen, was einfache Menschen sagen,

Menschen, die ganz sicher nichts von Politik verstehen und nichts von Medizin -

 

und trotzdem hört Naaman auf ihren Rat.

 

An zwei entscheidenden Stellen.

 

Dass er überhaupt aufbricht, verdankt er der Kammerzofe seiner Frau, einem jungen Mädchen aus Israel; die ist von den Aramäern verschleppt worden, wurde bei ihm als Gefangene, als Leibeigene vielleicht sogar gehalten

 

- doch als die ihm den Tipp gibt, über Umwege: "bei uns daheim in Samaria, da gibts einen Propheten, der könnt ihn heilen!" - da packt der glatt seine Sachen und bricht auf, mit Ross und Wagen, mit Geld und Geschenken.

 

Und viel später, als der Naaman schon wieder wutschnaubend auf dem Heimweg ist, weil der Prophet so einen banalen Rat hat ausrichten lassen: wasch dich halt siebenmal im Jordan!, da hört er wieder auf einen Diener.

 

Der ihn erst toben lässt und dann vorsichtig anmerkt: "Du, wenn dir der Prophet geraten hätte, dass du was unglaublich umständliches und kompliziertes machst, dann hättest du es doch bestimmt getan. Er hat dir nur dieses simple Bad im Jordan empfohlen. Probier es halt wenigstens aus. Es kann doch nicht schaden."

 

Und Naaman hört das - und sagt sich: der hat eigentlich recht.

Das ist kein Staatsmann, kein Prophet, kein Heeresführer, nichts, nur ein schlichter Diener - aber wo er recht hat, hat er recht.

 

Es schadet ja nichts - und vielleicht hilft es sogar, wenn man nicht dran glaubt.

 

Und es hilft.

 

Hier ist einem großen Heerführer, einem wichtigen Prominenten geholfen worden durch einen kleinen Diener, durch ein junges Mädchen, durch einen simplen Tipp -

 

vielleicht darf ich hier auch noch einmal anknüpfen an die Predigt vom letzten Sonntag.

 

Da sprach ich vom "Kleingeld des Glaubens",

der scheinbar harmlosen, scheinbar banalen einzelnen kleinen Münze des großen Glaubens an den Herrn der Welt - sie war Naamans Rettung.

 

Unser großer Gott, er wird gern unterschätzt; er zeigt sich gern im scheinbar Kleinen, im Unscheinbaren, im Geringen,

 

und vielen von uns fällt es manchmal schwer, wenn wir aushalten müssen, wie weit es oft nach unten geht.

 

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist Altbürgermeister Karl gestorben,

viele von Ihnen haben ihn geschätzt, vielleicht auch sehr verehrt.

 

Am Ende saß er im Pflegeheim genauso mit am Tisch wie alle anderen, mit den blaukarierten großen Lätzchen und im Rollstuhl, krank und hilfsbedürftig.

 

Da ist Gott am nächsten.

 

Und die Zeichen seiner Gnade, sie sind scheinbar fast banal.

Brot und Wein.

Drei Handvoll Wasser.

 

Wer selbst schon krank gewesen ist oder einen Schwerkranken begleitet hat, der weiß, die wichtigste Hilfe ist ganz oft scheinbar banal: ein Lächeln. Fünf Minuten Zeit. Ein Händedruck. Ein gutes Wort.

 

Gar kein großer Zauber, gar kein riesiges Brimborium - die kleine Münze der Nächstenliebe.

 

Und bei Naaman war es siebenmal untertauchen im Jordan.

 

Und er war geheilt.

 

Dabei dürfte er noch auf seinem Weg ins Wasser, noch beim Untertauchen Nummer eins bis sechs ein Skeptiker gewesen sein. Der hat sich wohl gedacht, es kann nicht schaden -

 

aber eher ging es darum, es halt auszuprobieren, ohne große Hoffnungen und Erwartungen, und vor allem, ohne dass er vorher für sich zu dem Schluss gekommen gewesen wäre: das ist der richtige Gott, dem vertrau ich mich jetzt an, und wenn mein Glaube groß genug ist, dann wird er mich retten. Wird mich heilen.

 

Andersrum!

 

Naaman hat den Glauben sozusagen ausprobiert.

Ausprobiert, ob es funktioniert.

Ist damit ins Wasser gestiegen und untergetaucht, wieder und wieder,

immer in der Freiheit: wenn es nicht funktioniert, dann will ich mit diesem Gott der Israeliten auch in Zukunft nichts zu tun haben.

 

Auch ein Grund, warum ich Jugendliche, Konfirmanden, aber auch andere Menschen auf der Suche immer ermuntern möchte, in den Gottesdienst zu gehen. Probieren wir den Glauben einfach aus!

 

Prüfen ihn auf Herzen und Nieren, ob er uns einleuchtet, ob es funktioniert, dass er Halt geben kann im Leben und Hoffnung und ein Zuhause für die Seele. Und wenns nicht funktioniert, lässt er sich auch wieder ablegen und beiseitelegen.

 

Vielleicht nur für einige Zeit bis zu einem neuen Versuche, vielleicht auch für immer.

 

Aber jedenfalls muss man sich nicht mit Haut und Haaren ausliefern, wenn man nicht will - Gott ist kein Gefängniswärter, der jeden einsperrt und nie mehr weglässt, wenn er ihn einmal hat, sondern jedem lässt er immer die Freiheit, wieder zu gehen.

 

Nur eines funktioniert eben nicht: Man kann das Ausprobieren des Glaubens nicht delegieren.

 

Wenn man die eigenen Kinder oder die eigenen Eltern in die Kirche schickt, wird man davon nicht automatisch selber gläubig.

 

Stellvertretung hat funktioniert am Kreuz, Jesus starb für uns -

 

und auch für Ehepartner gibt es eine Stelle in der Bibel, die uns Hoffnung macht, dass wenn der eine gläubig ist, er auch den anderen mit heiligen, sozusagen mit hinaufnehmen kann in den Himmel. Aber alle anderen müssen selber ausprobieren.

 

Auch Naaman musste selber herunter vom Wagen, raus aus den staubigen Kleidern und in den Jordan eintauchen, den Jordan als Grenze zwischen den Ländern, als Fluss ein Symbol für die Grenze zwischen Tod und Leben -

 

so wie das Wasser der Taufe auch die Sintflut mit symbolisiert, den Tod, den der Täufling mit stirbt zusammen mit Christus, um auch mit Christus aufzutauchen und aufzuerstehen zum ewigen Leben.

 

Stellvertretend einen anderen schicken zur Taufe funktioniert nicht,

und stellvertretend einen anderen einmal den Glauben ausprobieren lassen funktioniert auch nicht. Dieser Irrglaube ist auch bei Evangelischen recht verbreitet.

 

Scherzhaft heisst es dann, Frau Pfarrer, sorgen Sie mal für schönes Wetter, Sie haben doch einen Draht nach oben; etwas ernsthafter gemeint ist die Beschwerde von manchem, der sagt, an meinem Geburtstag muss aber bitte die Pfarrerin selbst zu Besuch kommen, nicht nur ein Mitglied aus dem Besuchsdienst. Als ob es drauf ankäme, wer die Segenswünsche überbringt. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, wessen Segen es ist, und es ist Gottes Segen.

 

Genau das hat dem Naaman gerettet - dass er zwar indigniert war, dass ihn nur der Hausmeister in den Jordan geschickt hat und nicht der Prophet höchstpersönlich - aber am Ende ist das total egal, weil es funktioniert hat, weil es Gottes Heilung gewesen ist und nicht die des Königs und nicht die des Propheten.

 

Und auch nicht eine Heilung durch den Stand, den Status, den Dienstrang und das Geld des Heerführers Naaman. Man hätte ja meinen können, logisch wird so ein reicher und wichtiger Mann geheilt

 

- er hat ein Wahnsinnsvermögen dabei und eigentlich fast schon ein Anrecht darauf, dass man sich um ihn bemüht, diensteifrig um ihn herumspringt und ihn ein bißchen pflegt in seiner Krankheit.

 

Auch dieser Denkfehler passiert uns schnell, wenn wir etwas zu bieten haben - es seien Verdienste oder Reichtümer oder ein Amt, eine Würde.

 

Heiko Ernst hat gesagt, Hochmut ist die Sünde der Könner -

denn Hochmut zeigt nicht unsere Schwäche, sondern der Hochmut schleicht sich da ein, wo einer wirklich begabt ist oder fleißig oder reich oder tüchtig.

 

Entscheidend für Naaman war nicht sein Stand, sein Reichtum und seine Würde, entscheidend war nicht mal sein Glaube -entscheidend war nur Gottes Wille. Und Gott hilft auch genau so, wie er das für richtig hält, und nicht immer so, wie wir uns das vorstellen.

 

Sie kennen den albernen Witz von dem frommen Mann, der vor seinem Haus steht; die Flammen schlagen lodernd aus allen Fenstern, der Rauch steigt in dicken Qualmwolken in den Himmel, und mit Blaulicht naht sich die Feuerwehr. Aber der Fromme wedelt abwehrend mit den Händen, fahrt weiter! ruft er, ich bete, und der Herr wird mir helfen!

 

Er sinkt auf die Knie und hebt die Hände zum Himmel,

knackend stieben die Funken, die Feuerwehr kommt zurück und der Mann will immer noch keine Löschaktion: Fahrt weiter! Ich bete! Und der Herr wird mir helfen.

 

Achselzuckend gibt der Löschzugführer Gas, hinter dem knienden Mann bricht krachend der Dachstuhl zusammen, ein Balken kippt auf den betenden Frommen, erschlägt ihn, und ehe er sich es versieht, steht er vor dem Herrgott und hadert:

 

Warum hast du mein Haus in Flammen aufgehen lassen?

Ich war voller Gottvertrauen und habe so viel gebetet!

 

Und Gott selber rauft sich die Haare und ruft verzweifelt, Mann, gib mir doch eine Chance! Ich hab dir drei Mal die Feuerwehr geschickt!

Und der Friede Gottes...

 

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