| Gott ist gegenwärtig! Predigt von Prädikant Schöttl |
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| Geschrieben von: Administrator |
| Mittwoch, den 01. Februar 2012 um 18:19 Uhr |
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Offenbarung 1, 9-18 Liebe Gemeinde, haben Sie um Silvester herum auch die Jahresrückblicke im Fernsehen angeschaut? Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht – ich frage mich da immer: In was für Zeiten leben wir eigentlich? Ich meine das jetzt nicht im Sinne von Parolen wie „Früher war alles anders!“ – was ja auch stimmt – oder – als Steigerung – „Früher war alles besser!“ – was definitiv nicht stimmt. Ich meine es eher als Frage, wie man in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren über die heutige Zeit denken wird. Wenn man das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends in Deutschland einmal charakterisieren wird - über was wird man schreiben? Über fast 70 Jahre Frieden in unserem Land? Über enormen Wohlstand trotz mancher sozialer Probleme? Über eine Zeit größter Freiheit und Toleranz in Sachen Religion, Weltanschauung und Lebensentwürfen? Ja, in was für Zeiten leben wir eigentlich? Jetzt und heute? Das alles ist nicht leicht zu beurteilen, wenn man mittendrin steckt, mittendrin lebt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich bei uns in der Rückschau oft die vergangenen Zeiten verklären und besser darstellen, als sie wirklich waren. In einer Zeit, die ganz anders, keineswegs besser und doch auch wieder ähnlich der unsrigen war, von der uns gut 1.900 Jahre trennen und die auch räumlich ein ganz anderes Aussehen hat als die uns vertraute Welt in München und Oberbayern, entstand das letzte Buch der Bibel: die Offenbarung. Aus ihr stammt unser heutiger Predigttext. Es war wohl der Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Der ganze Mittelmeerraum, der immerhin aus drei Kontinenten und einer Vielzahl von Kulturen besteht, wurde damals von einer einzigen politischen Macht zusammengehalten und beherrscht – vom römischen Kaiser. Kein anderes Reich hatte es bis dahin fertiggebracht, so viele unterschiedliche Völker, Sprachen und Kulturen unter einer Herrschaft zu vereinen. Der Römische Frieden – „Pax Romana“ – beinhaltete ein hohes Maß an Toleranz gegenüber den vielen Volksgruppen. Sie behielten ihre Sprache, wirtschafteten selbst, hatten ihre eigene Religion und Gesetzgebung. Bedingung war lediglich: Römisches Recht war zu achten, römische Steuern waren zu entrichten, und der römische Kaiser war als Herrscher der Welt mehr als alle Götter zu verehren. Eigentlich wäre es eine gute Zeit gewesen für die wachsende Gemeinde der Christen, sich in aller Stille auszubreiten, wenn da nicht das Bekenntnis ihres Glaubens gewesen wäre, wonach allein Jesus Christus als Herr der Welt anzusehen und zu verehren sei. Jesus von Nazareth, von den Römern wegen eines angeblichen Herrschaftsanspruchs als Verbrecher ans Kreuz geschlagen und erbärmlich verblutet. Diesen Gescheiterten verehrten die Christen nun als König und Herrn über alles. Da, wo aber die Verehrung des Kaisers als Gott, als „Kyrios“, abgelehnt wurde, da war auch die innere Stabilität gefährdet. Das war den Römern klar. Und so kam es gegen Ende des ersten Jahrhunderts unter Kaiser Domician erstmalig zu einer systematischen Verfolgung der Gemeinde. Terroraktionen gegen christliche Versammlungen im Reich sollten die Christen verängstigen. Vorsteher wurden gefoltert oder sogar hingerichtet oder durch Verbannung unschädlich gemacht. So war es auch Johannes ergangen, einem Prediger, der in sieben kleinasiatischen Gemeinden tätig war. Auf die kleine Felseninsel Patmos war er gebracht worden, wo er aber nicht untätig blieb. An seine in Bedrängnis geratenen Gemeinden schreibt er einen langen Brief, die Offenbarung, um ihnen Mut zu machen, am Glauben festzuhalten und sich zu bewähren. In vielen verschlüsselten Bildern, die immer wieder Grund für Endzeitspekulationen gegeben haben und als „Apokalypse“ oft zur Angstmacherei missbraucht wurden, schildert er, was ihm vor Augen gestellt wurde. Predigttext: Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Am Tag des Herrn, dem Sonntag, dem Auferstehungstag, an dem sich die christlichen Gemeinden im ganzen Land versammeln und sich der einsame Johannes mit ihnen in seiner Sehnsucht besonders verbunden weiß, hört er die Worte: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Schöne Worte, aber was brachte es? Was bringt es Gemeinden, die um ihre Existenz bangen und fürchten, morgen aufgelöst und zerschlagen zu werden, wenn sie von Jesus als dem Ersten und dem Letzten hören? Was bringen diese Worte des lebendigen Christus den Gemeindegliedern, die Angst haben, schwach zu werden, in der Verfolgung nicht zu bestehen und von dem Auferstandenen nichts zu spüren? Und was hilft es Johannes, zu wissen, dass Christus die Schlüssel des Todes und der Hölle hat, wenn es keinen Schlüssel zu geben scheint, der ihn aus der Verbannung befreit und wieder mit den Seinen vereint? Was bringt´s? Vielleicht auf den ersten Blick nicht viel, aber dann… Dann wird deutlich, dass Johannes hier etwas Einzigartiges gezeigt wird. Wie durch ein Fenster, das sich zum Himmel hin öffnet, sieht er das, was bei Gott schon Wirklichkeit ist. Deswegen ist das kein Phantasieren, kein Traum, keine innere Verzückung, keine Vision, die einem sehnsüchtigen Herzen entspringt, weil die Gegenwart so unerträglich geworden ist. Nein, es ist Wirklichkeit! So, wie sich am Ostermorgen Maria Magdalena umdrehen muß, um den Auferstandenen zu erkennen, so muß sich Johannes hier umdrehen, um zu sehen, was bei Gott schon längst Tatsache ist. Johannes wendet sich um, der Stimme zu, und sieht die Gemeinden so, wie sie im Licht Gottes gesehen werden: nicht kleine Häuflein von mutlosen Christen, sondern - so unscheinbar und schwach und gefährdet sie auch wirken mögen: In Gottes Augen sind sie sieben goldene Leuchter, wertvoll, unvergänglich, standhaft, die der ganzen Welt vom Auferstehungslicht künden – einem Licht, das bis in unsere Gegenwart strahlt. Denn was wäre die Christenheit heute ohne das leuchtende Zeugnis der Christen von damals? Unsere ganze Kultur, unsere Zivilisation, unsere Werteordnung wäre gar nicht denkbar, wenn sich die Christen damals unter dem Druck der Römer verkrümelt hätten, wenn sie nicht standhaft das Licht weitergegeben hätten, das sie empfangen hatten. Dieses offene Fenster muss ihnen eine enorme Kraftquelle gewesen sein, so dass sie das, was Johannes beschrieb, für wirklicher hielten, als alle Gefahr, die von der römischen Justiz ausging. Und dann kommt er selbst, der ihnen den Rücken gestärkt hat, in den Blick: eine Gestalt wie ein Mensch, aber eben zugleich viel mehr. Eine Gestalt in göttlichem Glanz – gekleidet wie ein Herrscher…mit Augen wie Feuer, die alles Dunkel durchdringen und Licht und Wärme verbreiten…auf Füßen, die durchs Feuer gehen und pure Kraft verkörpern, denn durch nichts und niemanden kann er aufgehalten werden…seine Stimme wie ein großes Wasserrauschen, weil sie unerschöpflich durch die Zeiten und die Kontinente dringt und durch niemanden zum Verstummen gebracht werden kann. Sieben Sterne hat er in der Hand: Symbole für die sieben Gemeinden. Auf Münzen der damaligen Zeit wird der römische Kaiser dargestellt mit dem Siebengestirn in der Hand als Herrscher des Alls. Aber nicht der Kaiser ist der Allherrscher, so sieht es Johannes. Wahrheit und Wirklichkeit ist: Christus ist der Herr des Alls und der Zeit. Das ist die Botschaft der Offenbarung. Davon lebt die Gemeinde: Daß Christus sie wie Schmuckstücke behutsam in seiner Rechten hat. In aller Verfolgung, aller Angst, werden sie von ihm gehalten und getragen. Aber er hält und trägt sie nicht nur, er hilft ihnen auch, den Überblick zu behalten. Johannes beschreibt es mit den Worten vom Mund Christi, aus dem ein scharfes, zweischneidiges Schwert geht: Es trennt, es scheidet, es unterscheidet zwischen Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht, Gut und Böse. Damit Christen den Überblick behalten und standhaft bleiben – gegen Anfechtungen und Anfeindungen von innen wie von außen. Jesus erscheint hier nicht als niedliches Baby im Stall, so wie wir es vor wenigen Wochen gefeiert haben, oder als sterbender Mann am Kreuz. Auch nicht als guter Hirte mit langem Haar, sanftem Blick und einem Schaf auf den Schultern, wie es früher oft dargestellt wurde. Nein, er erscheint als der, der er wirklich ist: Der siegreiche König der Könige, der Herr über Himmel und Erde, über Leben und Tod. Diese Vision – oder besser gesagt diese Begegnung mit dem auferstandenen Christus hat Johannes im wahrsten Sinn des Wortes umgehauen. „Ich fiel zu seinen Füßen wie tot“ schreibt er. Damit wird deutlich: Die Begegnung mit dem auferstanden Herrn ist nicht so, wie wenn wir beim Einkaufen einen Nachbarn auf der Straße treffen und sagen „Ach, hallo – schön Sie zu sehen. Wie geht’s so?“ oder bei Euch Konfirmanden, wo es in der Schule heißt „Hey Allda, was geht ab?“. Nein. „Hilf mir, ich vergehe“ so heißt es bei den Propheten im Alten Testament, weil sie wissen, dass niemand den lebendigen Gott sehen kann. Aber Jesus spricht zu Johannes „Fürchte dich nicht“, er legt seine Hand auf ihn und richtet ihn wieder auf. Dieses „Fürchte dich nicht“, das hat ihn in der Einsamkeit seiner Verbannung getröstet und den Gemeinden in der Verfolgung Kraft und Mut gegeben, durchzuhalten. Damals, vor 1.900 Jahren, als die Zeiten anders, aber keineswegs besser waren. Und wir heute? In was für einer Zeit leben wir eigentlich? Auch wenn bei uns Ruhe und Friede herrschen, dürfen wir nicht übersehen, dass nach wie vor in vielen Ländern der Erde Christen wegen ihres Glaubens unterdrückt, verfolgt, gefoltert und getötet werden. Meldungen von Brandanschlägen auf Kirchen wie jetzt an Weihnachten in Nigeria sind da nur die Spitze des Eisberges. Diese Glaubensgeschwister brauchen unser Gebet, unsere Fürbitte und unsere finanzielle Unterstützung – und sie brauchen Visionäre wie den Johannes, die ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind, dass sie trotz ihrer Schwachheit wichtig sind und ihr Leiden nicht umsonst ist. Solche Visionäre sind z.B. die christlichen Menschenrechtsorganisationen wie CSI oder Open Doors, deren Mitarbeiter oft unter Einsatz ihres Lebens den verfolgten Christen beistehen, Untergrundkirchen mit Bibeln versorgen oder im Sudan versklavte Christen mit erheblichen finanziellen Mitteln freikaufen. Bei uns hier in Deutschland und Europa wird niemand wegen seines Glaubens verfolgt oder gar versklavt – Gott sei Dank! Vor 25 Jahren sah das im Osten unseres Landes noch anders aus. Ich weiß, dass viele hier in der Gemeinde aus Siebenbürgen stammen – sie wissen ein Lied davon zu singen, was es bedeutet, seinen Glauben unter kommunistischer Herrschaft zu leben. Und der Holocaust-Gedenktag am vergangenen Freitag hat uns daran erinnert, wie es damals war, zwischen 1933 und 1945, als in unserem Land Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und umgebracht wurden. Wir sind heute nicht mehr gezwungen, uns für den Kaiser, den Führer oder eine bestimmte Ideologie zu entscheiden. Aber trotzdem ist unsere Entscheidung gefragt – und die fällt uns oft schwer. Es gehört Mut dazu, Christsein auch ausserhalb der Kirchenmauern zu leben, sich im Alltag zu christlichen Werten und Überzeugungen zu bekennen und damit gegen den Trend, gegen den Strom zu schwimmen. Die heutigen Götter heißen Wohlstand und Geld, Sex und Körperkult und neben der vorherrschenden religiösen Gleichgültigkeit – und mit ihr manchmal seltsam vermischt – schwappt nach wie vor eine enorme esoterische Welle über unser Land. Die Kirche profitiert kaum von diesem neuerwachten Interesse am Übersinnlichen. Die Kirchenaustrittszahlen sind nach wie vor hoch. Angesichts schrumpfender Gemeinden – und damit verbunden geringerer finanzieller Mittel – ist es nicht verwunderlich, wenn viele resignieren und mutlos werden. Waren die Zeiten früher vielleicht doch besser? Als die Jünger mit Jesus auf dem Berg der Verklärung waren, wollten sie dort oben bleiben, weil sie von dem, was sie gesehen und erlebt hatten, so fasziniert waren. Aber sie mussten wieder hinunter, in die raue Wirklichkeit ihres Lebens. Trotzdem hat das Erlebnis auf dem Berg ihnen Kraft gegeben. Die Verbannung auf Patmos und die Verfolgung der Gemeinde – sie waren nicht vorbei, nachdem Christus dem Johannes erschienen war. Ganz im Gegenteil. Aber diese Begegnung hatte eine solche Macht, dass alle Bedrängnisse und Widerwärtigkeiten überwunden werden konnten. Wie ist das mit uns heute? Wo können wir heute Jesus begegnen? Wo können wir auftanken und Kraft schöpfen, wenn wir mutlos und schwach geworden sind? Wo werden wir wieder aufgerichtet? Der Gottesdienst an jedem Sonntag ist eine solche Kraftquelle. Das ist ja nicht nur irgendeine Veranstaltung, wo man sich trifft, einer möglichst lange redet und schöne Musik gespielt wird. Nein: hier ist der Ort, wo wir dem auferstandenen Christus begegnen und uns vom ihm aufrichten und stärken lassen können für unseren Alltag – so, wie damals Johannes auf Patmos. Die Osterkerze hier in der Kirche ist mehr als nur ein Raumschmuck oder irgendein Symbol: Sie ist das Zeichen dafür, dass der auferstandene Herr mit seiner Kraft und Macht unter uns gegenwärtig ist. Und sie ist das Zeichen dafür, dass - auch wenn die Zeiten sich ändern – seine Zusage gilt: „Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“ |