Zur Navigation | Zum Inhalt
FVCML0208 10
Verkauf alles was du hast und folge mir nach PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Montag, den 16. Oktober 2017 um 07:12 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

meine erste Stelle nach der Ausbildung hatte ich bei den Böhmischen Brüdern; das war eine kleine tschechische Gemeinde in einer tschechischen Stadt; ich hab auf Tschechisch gepredigt, Gottesdienste gehalten, die Tschechen sind mir ans Herz gewachsen

- aber die tschechische Sprache - die blieb mir fremd.

Ich hab schon was dafür getan: ich hab Vokabeln gelernt, über Grammatikbüchern gebrütet, ich hab Sprachkurse mitgemacht; ich hatte einen furchtbar netten jungen Mann als Kollegen, der konnte wunderbar deutsch und hat trotzdem tschechisch mit mir gesprochen, damit ich es lerne;

aber geantwortet hab ich fast immer - auf Deutsch.

Dabei hatte ich ihn durchaus verstanden.

Aber selbst Tschechisch reden - das war eine schier unüberwindbare Hürde.

Warum?

Ich bin Pfarrerin. War ich auch damals schon.

Die Sprache - das ist mein Handwerkszeug, und damit kann ich gut umgehen!

Ich beherrsche sie gut, ich kann mich so ausdrücken, dass ich genau das sag, was ich meine;

ich kann mit der Sprache spielen, ich fühl mich darin zuhause.

Ich kann mich auch damit schützen.

Mich hinter viel Gescheit Daherreden verstecken, mich überlegen fühlen.

Die Worte als Waffe benutzen.

Auf Tschechisch dagegen - da war und da blieb ich ein stammelnder Anfänger.

Ich konnt von Glück reden, wenn der andere erraten hat, was ich vielleicht sagen möchte; ich konnte mich nicht wehren, nicht scherzen oder gescheit daherreden,

und so blieb ich oft lieber stumm;

für meine Tschechischlehrer war ich, denk ich, ein hoffnungsloser Fall; denn das Ziel des Spracherwerbs ist ja nicht das Beherrschen von Grammatikregeln, sondern die lebendige Kommunikation.

Daran muss ich denken bei unserem Evangelium von dem reichen Jüngling: alle Regeln kennt er.

Er hält die zehn Gebote,

aber er sorgt sich trotzdem ums ewige Leben.

Deshalb wirft er sich Jesus zu Füßen und fragt, was muss ich tun, was muss ich noch tun, um das ewige Leben zu gewinnen?

Jesus sagt, geh über diese letzte innere Hürde.

Gib deine Sicherheit auf.

Lass dich ganz auf mich ein.

Folge mir nach.

Und da wendet sich dieser Jüngling traurig ab und geht weg.

Da ist eine innere Hürde. Er hat viel zu verlieren, und das alles aufzugeben - das schafft er nicht.

Und ich denke, ganz viele von uns können es gut verstehen.

Alles aufgeben und sich wirklich ganz auf den Herrn einlassen, auf Gott, Vater, Sohn und den Heiligen Geist - stammelnder Anfänger, Anfängerin des Gottvertrauens werden statt souveräner Herr im eigenen Haus und im eigenen Leben - das ist eine gewaltige Hürde.

Unsere Herzen sind doch gebunden.

Durch die Partnerschaft, die Familie, durch Freundschaften, durch den Beruf... So wie Teenager (und ich selber) manchmal kaum den Blick lösen können vom Handybildschirm, so können wir alle manchmal kaum den Blick lösen von unseren Sorgen und Freuden, unseren Aufgaben und Angelegenheiten;

und dann kommt in der Abendmahlsliturgie, ganz am Anfang schon, die Stelle, da sagt der Pfarrer: "Die Herzen in die Höhe!"

"Löst euch von eurem irdischen Leben und schaut auf Gott."

Hier kommt ein - für mich - wichtiger Unterschied zwischen den Konfessionen: bei den Katholiken antwortet die Gemeinde auf diese Aufforderung, die Herzen in die Höhe: "Wir haben sie beim Herrn!"

- glaub ich nicht. Hab ich als Kind schon ganz oft ehrlicherweise feststellen müssen: bei allem möglichen hab ich in dem Moment mein Herz gehabt, aber nicht beim Herrn und nicht bei der Abendmahlsliturgie....

Die evangelische Antwort von der Gemeinde gefällt mir besser. Bei uns antwortet man "Wir erheben sie zum Herren!" - Wenn schon bisher nicht, dann immerhin spätestens jetzt....better now than never...

Immerhin einen Moment lang löse ich meinen hypnotisierten Blick von mir und von meinem Leben und erhebe mein Herz zum Herrn...

Wenn es doch nur dort bliebe... Dauerhaft.

Und das IST auch wahrhaftig viel verlangt; Sie kennen alle diese Geschichte von Abraham, der meint, dass ihn Gott auf die Probe stellt und wissen will, ob er wirklich bereit wäre, seinen Sohn zu

opfern, wenn Gott das von ihm verlangt. Wo hast du dein Herz, Abraham, bei Gott? oder doch bei deinem Sohn?

Winken Sie nicht ab! Das ist nicht nur finsteres Altes Testament,

von dem heute keiner mehr etwas wissen will;

wann haben Sie zuletzt diese protestantische Hymne gesungen, "ein feste Burg ist unser Gott!"? Lesen Sie dort, EG 362, Strophe vier: "...Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib? lass fahren dahin! Sie habens kein Gewinn! das Reich muss uns doch bleiben..."

(Passen Sie auf, was Sie singen...)

Wir alle kennen das höchste Gebot, du sollst Gott über alles lieben, mit ganzer Seele, von ganzem Herzen und mit all deinem Verstand, und den nächsten wie dich selbst.

Ein deutsch-iranischer Schriftsteller (Navid Kermani) sagte mal in einem Interview, "Dieses protestantische Christentum, das ich auf einem Forum des Kirchentags höre oder das mir in der evangelischen Beilage der Zeitung begegnet, mag ja sympathisch sein, aber es lässt mich kalt. Es kommt mir oft wie eine Doppelung dessen vor, was uns der gesunde Menschenverstand ohnehin sagt."

Davon erbt keiner das ewige Leben.

Das Ziel des Lebens ist nicht das Halten der zehn Gebote. Ist nicht die Moral, das lässt einen kalt! und auch nicht die Lehre Jesu. Jesus sagt nicht, "sprich mir nach!"

Jesus sagt: "folge mir nach!" Gib alles auf, was du hast, und dann komm und folge mir nach, schließ dich den Meinen an!

Und diese Aufforderung gilt uns genauso:

belassen wir es nicht bei einer Lehre, nicht bei gewissen Werten und bei Moral,

bei dem, was der gesunde Menschenverstand einem sowieso sagt,

sondern überwinden wir diese Hürde - und gehen eine Beziehung ein - zum Lebendigen Gott und in Folge dessen auch zur Gemeinde und den Brüdern und Schwestern.

Ich hab mich nicht getraut, Tschechisch zu reden, weil ich meine Souveränität aufgegeben hätte, meinen Schutz auch, den ich in der Muttersprache, auf Deutsch habe, durch die Sprachgewandtheit.

Und genauso zögert der Jüngling im Evangelium, seine Souveränität aufzugeben, aufzugeben, was ihn schützt und stark macht und unverletzlich: sein Vermögen.

Und wer sich auf seinen Nächsten wirklich einlässt, wer wirklich liebt - der gibt auch viel Schutz auf, der wird verletzbarer, angreifbarer, der verlässt seine feste Burg.

Aber er gewinnt das wirkliche Leben.

Wenn ich meine Gemeide, die Brüder und Schwestern, wirklich liebe,

dann ist es mir nicht wurscht, ob die Jugendlichen wiederkommen nach der Konfirmandenzeit, und ob der Glaube wirklich etwas für ihr Leben bedeutet. Deshalb investieren wir so viel in die Jugendarbeit. Nicht weil sich die Jugendlichen so gut machen unter den Erwachsenen. Sondern um ihretwillen, weil wir sie lieben.

Dann ist es mir ein Herzensanliegen, dass die Eltern der Täuflinge sie wirklich hinführen zum Glauben, dass sie die Kinder beten lehren, ihnen vormachen, dass man auf Gott vertrauen kann.

Nicht nur drauf verlassen, "das soll er oder sie später mal selber entscheiden!";

denn man sagt zwar, Not lehrt beten, aber viele von Ihnen sind doch schon selber in Not geraten und froh gewesen, dass Sie das Beten dann nicht erst lernen mussten, sondern sich bergen konnten in etwas Vertrautem, bei einem vertrauten Gott, einem liebgewordenen Retter und Helfer.

Wenn mir meine Gemeinde wirklich etwas bedeutet, dann ist mir das wichtig, dass hier jeden Sonntag Kindergottesdienst ist; - und wenn ich ihn selber halten muss, so gut oder wenig gut ich es eben kann, Hauptsache, die Kinder erfahren von Gott und spüren, da gibt es Menschen, die wirklich glauben und auf diesen Gott hoffen! - wo sollen sie es denn sonst erfahren, wenn nicht von uns?

Das persönliche Beten ist wichtig.

Das Bibelstudium zuhause.

Die Stille mit Gott,

und auch das persönliche Gespräch mit ihm hier im Gottesdienst, nur in Ihrem Herzen und unhörbar für alle anderen. Aber: geistliches Wachstum kann nicht unabhängig von Gemeinschaft stattfinden.

Darum werbe ich, dass Sie alle möglichst oft in die Kirche gehen! Nicht wegen der Sonntagspflicht, und auch nicht, weil der liebe Gott unseren Besuch brauchen würde wie der Onkel im Altersheim.

Sondern unseretwegen.

Wir riskieren unsere geistige Urteilsfähigkeit,

wir riskieren unseren inneren Frieden mit Gott,

wir sind das Risiko in der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen,

wir brauchen diesen Schnittpunkt zwischen der Wahrheit und unserem Leben,

und dass wir uns miteinander und mit Gott auseinandersetzen.

Im Petrusbrief lesen wir, was zu tun ist: (Lesung 2. Petrus 1, 3-13)

*

Was ist zu tun? - "jeder soll sehen, dass ihr Gott kennt:"

- am Halten der zehn Gebote

- an eurer Selbstbeherrschung

- an eurer Ausdauer, die zur Liebe zu Gott hinführt;

- an eurer Liebe zu Gott, die hinführt zur Liebe für Brüder und Schwestern;

- an eurer Liebe zu den Brüdern und Schwestern, die hinführt zur Liebe für alle Menschen.

Da ist ein Weg, ein "ongoing process", der Weg der Berufung und der Erwählung;

und das ist ganz bestimmt keine reine Verdoppelung dessen, was einem eh der Verstand sagt...

Und wir sollen nicht nur so tun, als ob uns die anderen wichtig wären;

nicht nur die Regeln kennen und dann doch nicht "das Herz erheben"; sondern die letzte innere Hürde überwinden und wirklich lieben.

Nicht Tschechisch verstehen und die Regeln kennen und an Haufen Vokabeln können - und dann doch auf Deutsch antworten. Sondern uns trauen. Uns unseren Mitmenschen zeigen und uns auf sie und aufs Leben einlassen.

Abraham wurde gefragt: was ist dir wichtiger, dein Gott? oder dein einziger Sohn?

Abraham wär imstand gewesen und hätt sein Kind geschlachtet; Gott höchstpersönlich fällt ihm in den Arm und hält ihn zurück.

- Keiner von uns muss für Gott seinen Sohn opfern!

Das hat statt dessen Gott schon für uns getan, seinen einen, einzigen, heiß geliebten Sohn geopfert, so dass wir alle nie mehr opfern müssen.

Aber deshalb soll Gott uns genauso, mindestens ebenso wichtig sein:

nicht als Regel und Vorschrift, nicht als trockene Lehre,

sondern als lebendige Freundschaft und

als Liebe,

zu Gott und zu unserem Nächsten,

wie zu uns selbst. Amen.

 

Sie befinden sich hier:

Startseite > Predigten > Verkauf alles was du hast und folge mir nach

Transfair-Verkauf

Verkauf von Waren aus fairem Handel
Kaffee, Tee, Schokolade...

... (fast) immer beim Kirchenkaffee am letzten Sonntag des Monats, oder bei mir zu Hause - rufen Sie einfach an, wenn Sie zwischendurch etwas brauchen oder am betreffenden Sonntag verhindert sind!

Verantwortlich: Gabriele Chmel, (Tel.: 089 / 320 71 60)