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Predigten
Predigt am Ostermontag PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Peter Marinkovic   
Dienstag, den 29. April 2014 um 07:15 Uhr

Predigt am Ostermontag 2014

über Apg 10,34a.36-43

Peter Marinkovic

Der für heute vorgesehene Predigttext steht in der Apostelgeschichte 10,34a.36-43:

34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Gott … 36 (Er) hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle.

37 Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, 38 wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit Heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm. 39 Und wir sind Zeugen für alles, was er getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. 40 Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, 41 nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten. 42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. 43 Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

Amen

Übersetzung Martin Luthers (1984)

Liebe Gemeinde,

was kommt nach dem Tod? Folgt überhaupt noch etwas nach, eine wie auch immer geartete Weiterexistenz, oder ist nach dem Tod „alles aus“?

Jüngst hat eine repräsentative Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag des evangelischen Magazins Chrismon ergeben, dass 60 Prozent der über 60-jährigen der Aussage zustimmen, dass nach dem Tod „alles aus“ ist. Nur 34 Prozent zwischen 14 und 19 Jahren schlossen sich dem an. 57 Prozent der Jüngeren glauben hingegen, dass die Seele nach dem Tod weiterlebt. Dieser Ansicht sind wiederum nur 34 Prozent der über 60-jährigen.

Ein interessantes Ergebnis, über das nachzudenken sich lohnt. Doch das Auffälligste ist nicht einmal so sehr, dass die prozentuale Verteilung bei den Älteren und Jüngeren genau umgekehrt ausfällt.

Das Auffälligste ist, dass eine Position kaum genannt worden ist, nämlich der Kern der Botschaft des heutigen Ostertages: die biblische Hoffnung auf leibliche Auferstehung.

Der Umfrage zufolge glaubt heute kaum noch jemand an die leibliche Auferweckung durch Gott.

Die Auffassung „mit dem Tod ist alles aus“ kann sich ebenfalls auf die biblische Tradition berufen. Die meisten Schriften der Hebräischen Bibel, unserem christlichen Alten Testament, vertreten eine solche Ganztodtheologie: Wenn der Mensch stirbt, ist er voll und ganz tot. Es entweicht auch keine unsterbliche Seele, die irgendeine Form der Weiterexistenz sichern könnte. Erst in spätalttestamentlicher Zeit, nach 300 v. Chr., entstehen Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod, auf die ich später zurückkommen werde.

Woher stammt die Annahme einer unsterblichen Seele, die gerade bei heutigen Jugendlichen so beliebt ist?

Die Unsterblichkeit der Seele war das Hoffnungsangebot der griechischen Antike. Der Körper galt als Kerker der Seele. Im Tod wird sie von ihm frei.

Gegen die Leibfeindlichkeit dieser Weltanschauung wandten sich die frühchristlichen Denker. Der im 3. Jahrhundert n. Chr. in Alexandria lehrende Origenes fand eine Seele ohne Leib nicht vorstellbar. Der Kirchenvater Tertullian formulierte um 200 n.Chr.: „Wenn der Erlöser als gute Nachricht nur das Leben der Seele verkündet hätte, was hätte er denn Neues gebracht im Vergleich zu Pythagoras, Plato und dergleichen Männer?“

Worin besteht der entscheidende Unterschied zwischen der biblischen Auferweckungshoffnung und der griechischen Vorstellung einer Unsterblichkeit der Seele (oder der pauschalen Ansicht, dass es irgendwie weitergehen wird, à la „Hinter dem Horizont geht’s weiter“, wie Udo Lindenberg einst sang)?

Die biblische Hoffnung auf Auferstehung denkt von der Gerechtigkeit für die Opfer der Geschichte her, nicht vom menschlichen Überlebenswillen. Der Tod ist sonst der große Gleichmacher. Irgendwann muss es einen Richterspruch geben, damit die Verlierer der Weltgeschichte, die in Vergessenheit geraten können, nicht endgültig verloren haben. Der Augsburger Philosoph Thomas Schärtl formulierte bei einer Tagung der Katholischen Akademie - im Zusammenhang einer Diskussion über postmortale Gerechtigkeit - einmal die drastischen Worte: „Ich will Auferstehung und keine Unendlichkeit!“

In den alttestamentlichen Auferstehungsaussagen geht es um ein neues, unvergängliches Leben für bereits Verstorbene und um eine endgültige Überwindung des Todes. So heißt es in der Jesaja-Apokalypse (Jesaja 24-27), Gott werde den Tod ‚für immer verschlingen’ (Jes 25,8), eine Kontrastaussage zu der Vorstellung, dass die Unterwelt den Menschen verschlinge (Ps 69,19; Jes 5,14 u.ö.).

Wichtigster und unumstrittener Beleg für eine Auferstehungserwartung ist schließlich Daniel 12,2-3. Unter dem Eindruck der Religionsverfolgungen der Makkabäerzeit (2. Jh. v. Chr.) stellt sich angesichts der Martyriumserfahrungen der Gerechten die Theodizeefrage, und sie findet eine Antwort in der Hoffnung auf postmortale Gerechtigkeit: ‚Und viele, die im Land des Staubes schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach, zu ewigem Abscheu’ (Dan 12,2)“.

Biblische Auferweckungshoffnung gründet allein in Gott und seiner schöpferischen Kraft.

In 1 Sam 2,6 heißt es: „Der Herr tötet und macht lebendig, er führt hinab zu den Toten und wieder herauf“.

Für das Verständnis dieser Textstelle ist Psalm 104 besonders aufschlussreich. In Vers 29f. spricht der Beter Gott direkt an: „Verbirgst du dein Angesicht, werden sie schreckensstarr, entziehst du ihren Atem / ihren Geist(hebr. rûach), verscheiden sie, und zu ihrem Staub kehren sie zurück. Sendest du deinen Atem / deinen Geist (hebr. rûach) aus, so werden sie geschaffen“. Gott ist es, der mittels des Atems das Leben schenkt und wieder nimmt. Ganz so wie es bei der Erschaffung Adams am Anfang der Bibel heißt: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem/die Seele (hebr. næpæš). So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Genesis 2,7)

Auch die Auferweckung Jesu Christi durch Gott ist ein schöpferischer Vorgang, ein Akt der Neu-Schöpfung. Der Künstler Matthias Nithart, genannt Gruenewald, hat dies in seinem Auferstehungsbild des Isenheimer Altars um 1510-11 geradezu kongenial umgesetzt.

Für die biblische Auferstehungshoffnung ist die leibliche Auferweckung konstitutiv. (Der Geist-Leib, der Auferstehungsleib, ist nicht einfach normale Materie, sondern vielmehr eine Art himmlische Materie.) Dabei ist mit Leib der Selbstausdruck einer Person gemeint, nicht nur der physische Körper, von dem die Seele sich im Tode trennt: Es geht um die ganze Person mit all ihren Bezügen zu anderen - zu anderen Geschöpfen, zur Erde, zur Welt. Der Leib ist geradezu das Einfallstor für andere und für die Kommunikation mit anderen. Leibliche Auferstehung meint nicht die Wiederkehr des Körpers, die Rekonstruktion des verfallenen Körpers, sondern leibhaftige Auferstehung meint, dass die Person als Ganze auferweckt wird. Nicht nur sozusagen eine „nackte Seele“ (ohne Körper), sondern die Person als Ganze mitsamt ihren Bezügen zu den anderen wird auferweckt. D.h. sie geht in eine andere Dimension ein, in die Dimension des Anderen, in die Dimension Gottes, in das ewige Leben, also in eine andere Seinsweise und in eine andere Dimension außerhalb unserer Raum-Zeit-Kategorie.

In der endgültigen Begegnung mit Gott und dessen Liebe merken wir, was an uns dieser Liebe entsprochen hat und was ihr nicht entsprochen hat. Wir merken, dass die Liebe Gottes uns erfasst und erwärmt und - sozusagen - das Gefrorene an uns auftaut.

Fast so wie es den beiden Jüngern ergangen ist, die mit dem auferstandenen Jesus von Jerusalem ins nahe gelegene Emmaus gingen, ohne ihn zu erkennen. Erst beim Brotbrechen am Abend in der Herberge wurden ihre Augen geöffnet und er verschwand vor ihnen. Da sprachen sie untereinander:

Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? (Lukas 24,32) Und sie gaben diese Botschaft weiter.

Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und der Glaube an Gottes Treue und Liebe, die uns verwandeln zu neuem Leben – das ist es, was der christlichen Auferstehungshoffnung zugrunde liegt. Der Tod kann weder Gottes Gerechtigkeit noch Gottes Liebe Grenzen setzen.

Amen.

 
Übergänge PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Samstag, den 02. November 2013 um 16:16 Uhr

5. Mose 32,44-47

Und Mose kam und redete alle Worte dieses Liedes vor den Ohren des Volks, er und Josua, der Sohn Nuns. Als nun Mose das alles zu Ende geredet hatte vor ganz Israel, sprach er zu ihnen: Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich euch heute bezeuge, dass ihr euren Kindern befehlt, alle Worte dieses Gesetzes zu halten und zu tun. Denn Gottes Wort ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben, und durch dies Wort werdet ihr lange leben in dem Lande, in das ihr zieht über den Jordan, um es einzunehmen.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wenn Straßenbahnen losfahren wollen, dann muss am Dach der Stromabnehmer hochklappen und Kontakt aufnehmen zur Oberleitung.

 

Von dort fließt die Energie.

Und die Oberleitung läuft mit, immer genau über den Gleisen, über die gesamte Strecke.

 

Mit uns Christen ist es ähnlich.

Wenn wir loslegen wollen, vorankommen wollen, dann tasten auch wir nach oben, nehmen Kontakt auf zur Quelle unserer Lebensenergie, unseres Antriebes, und wir halten die Verbindung, idealerweise, ein Leben lang, über die ganze Wegstrecke.

 

Sie haben gerade von Jakob gehört, in der Lesung aus dem AT;

der hetzt durch die Wüste, auf der Flucht vor dem Bruder. Die Mutter und das väterliche Gut mit dem Erbe sind unerreichbar fern, er ist abgeschnitten von seiner Familie und seinen Lieben. Er weiß nicht, wohin, der Krach liegt im wie ein Stein im Magen, und es könnt ihm leicht den Boden wegziehen unter den Füßen. Aber das Gegenteil passiert:

 

Als er ganz am Boden zerstört ist, das schlechte Gewissen drückt ihn und die Angst raubt ihm den Schlaf, da tut sich nicht der steinige Boden unter ihm auf und verschlingt ihn -

 

sondern über ihm geht der Himmel auf.

 

Jakob sieht den Himmel offen stehen und die Engel an einer Leiter auf- und niedersteigen, die Verbindung zur allerhöchsten Energiequelle ist wieder offen und Jakob kann wieder Kontakt aufnehmen - im Bild gesprochen kann sein Leben wieder die Stromabnehmer hochklappen, an die Oberleitung, die Energie fließen lassen, damit sein Leben wieder Fahrt aufnimmt.

 

Und Jakob steht auf und baut einen Altar und sagt, Mensch, hier ist die Pforte des Himmels und ich wusste es nicht.

 

Den Stromabnehmer hochklappen.

Energie fließen lassen.

Einen guten Draht aufbauen nach oben -

 

das sagt sich so leicht - wie kriegt man den her, den guten Draht?

Wie funktioniert das, dass nicht nur der Himmel offen steht über uns -

 

sondern dass wir uns auch anschließen können und von der himmlischen Kraftquelle leben?

 

Das ist DIE Lebensfrage -

und das ist die Frage der Reformation und des Reformationsfestes.

 

Weltliche Menschen stellen die Frage genauso:

„woher bezieh ich die Kraft zum Leben?“

 

Was sind die Antworten?

- aus der Leistung, die ich bring

- aus dem Sport

- aus der work-life-balance

- der Kontostand soll stimmen, man möchte „ein Einkommen generieren“, jedenfalls am besten niemandem eine Last sein -

 

das ist auch manchen von Ihnen ganz wichtig.

 

„Wo kommt die Kraft zum Leben her, wie beziehe ich sie?“ -

 

was sagen die Katholiken?

 

- man muss der Kirche angehören

- man muss die Sakramente empfangen

- man muss seine religiösen Pflichten tun.

 

Was sagen die evangelischen Christen?

 

- allein aus dem Glauben

- allein durch die Schrift

- allein aus Gnade.

 

Stellen Sie sich eine Eidechse vor. Sie liegt in der Sonne auf einem warmen Felsen - und rührt sich nicht. Die Sonne brennt auf sie runter, sie hält ganz still, sie bringt nichts, sie leistet nichts, sie macht sich kein kleines bißchen nützlich - aber trotzdem „darf sie sein“.

 

Sie ist es wert, „zu sein“.

 

Gott hat sie geschaffen, er hat ihr das Leben geschenkt;

und jetzt leuchtet die Sonne über ihr,

so wie beim Jakob der Himmel offen steht

oder wie es heißt in Jesaja 60:

 

1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

 

und zwar, so ergänzen die Reformatoren,

rein aus Gnade, allein durch die Schrift und allein durch den Glauben.

 

Das ist evangelisch.

 

Und deshalb können wir uns auch auf Lebensübergänge so bereitwillig einlassen; nicht zufällig ist die Kirche an solchen Stellen gefragt, wo es um Umbrüche und Übergänge im Leben geht, Konfirmation, Hochzeit, aber auch Taufe und auch Beerdigung,

 

und ich greif mal drei weitere Übergänge heraus,

alle drei stehen bei uns heute mit im Raum:

 

- Da ist der Herr Wagner, der Kantor und Chorleiter.

Er möcht aufbrechen zu neuen Ufern, ein größeres Projekt starten -

 

dazu muss er das alte Ufer loslassen, Abschied nehmen.

Er musste kündigen, musste es dem Chor sagen,

musste sich dem stellen, dass das Bedauern auslöst,

und dabei ja auch selber etwas aufgeben, was gutgetan hatte:

 

Eine Arbeit, eine Aufgabe, die ihm viel Anerkennung gebracht hatte,

einen Raum geboten hatte für seine Kreativität,

Beziehungen zu den Chormitgliedern,

gemeinsamer Spaß an der Arbeit,

und das muss er aufgeben, loslassen, zugunsten von etwas Neuem-

 

von dem noch nicht so klar ist, wie das alles wird.

Ein Lebensübergang, wo es gut ist, nach oben zu schauen, nach oben zu tasten und zu wissen, über dir geht auf der Herr. Der Himmel steht offen, die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir und du kannst dich anschließen und die Lebensenergie strömt zu dir hin und setzt dich in Gang.

 

- Oder die Lebensübergänge bei Geburtstagen.

Und da ist es ein Unterschied, ob es der achtzehnte ist,

oder der achtzehnte von den eigenen Kindern,

oder einer, der mehr in der Lebensmitte liegt -

 

wo uns schmerzlich bewusst wird, dass vermutlich der Tag der Geburt inzwischen vermutlich weiter entfernt ist als der Tag des Todes,

 

dass die Möglichkeiten, die sich noch neu auftun werden, vielleicht doch im Schwinden sind -

 

das macht verletzlich und verunsichert vielleicht;

Vater und Mutter können definitiv keinen Schutz mehr bieten,

wir sehen es ein, müssen neue Ressourcen entdecken,

 

die Lebensmitte ist eine der größten Wenden im Leben

und man nimmt vielleicht manches dankbarer wahr:

 

welche schönen Erlebnisse es gibt.

 

Früher sind sie vielleicht manchmal einfach so durchgerauscht. Wir hatten noch nicht begriffen, wie selten und kostbar sie sind.

 

Wie selten man Menschen trifft, mit denen man sich gut versteht.

 

Das ist wahrhaftig ein Grund zum Feiern und ein Grund zum dankbaren Tasten nach oben: Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

 

- Mein Übergang jetzt vom Arbeiten hin zur großen Pause ist ein vergleichsweise kleiner Übergang, aber ganz leicht fällt er mir nicht.

Auch ich muss ja was loslassen, wie der Herr Wagner -

 

eine Arbeit, die mir was bringt, Beziehungen, Raum, Geld, Bestätigung,

 

ich find das toll, wenn ich rede, und alle hören zu;

 

ein Stück Heimat ist meine Arbeit als Pfarrer,

wie oft bin ich nachts noch im Schlafanzug hier rumgeschlichen, nochmal in den Keller, die Heizung anstellen,

 

oder in der Sakristei meine berühmten Zettelchen schreiben für den Kirchdienst, wie sie läuten sollen, die Gedenkkerzen herrichten oder die Glockenautomatik ausmachen vor einem Feiertag.

 

Oder meine Konfirmandenkurse, die Freizeiten, die zarten Pflänzchen, die hier überall sprießen,

 

Klappt das auch alles? Auch ohne mich?

 

Ich möcht schon ein bißchen vermisst werden.

 

Aber auch in der Musik haben manchmal manche Stimmen, manche Instrumente Pause. Warten erst wieder auf ihren Einsatz, im rechten Moment dann.

 

Machen Pause, vielleicht auch mal reglos wie die Eidechse in der Sonne oder mit der Kaffeetasse in der Hand am Balkon in den Bergen, mit Blick ins Tal, bewegungslos, scheinbar nutzlos -

 

und doch ist der Stromabnehmer ausgeklappt hin zur Oberleitung, der Himmel steht offen, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über mir;

 

und ich versuche, die Windstille der Seele mal auszuhalten, so lange, bis man spürt, dass man, obwohl man gar nichts tut, immer noch am Leben ist.

 

Und Gott vollendet mein Leben - nicht ich.

 

Das ist Gnade.

 

Wir neigen dazu, unseren Glauben zu unterfordern.

Zu wenig von ihm zu erwarten.

Ihm zu wenig zuzutrauen.

 

Ich erinnere mich noch an die ersten Gespräche, als ich von meinem Plan erzählt hab, Pause zu machen. Ein Jahr Urlaub zu nehmen.

Wie sehr ich mich davor gegruselt habe, das anderen zu erzählen,

das anderen zuzumuten und deren Reaktion zu spüren.

 

Was hatte ich befürchtet, ich weiß es gar nicht - Protest vielleicht? oder Widerstand oder Bestürzung oder Ärger.

Die ersten Gespräche hab ich ewig lang vor mir hergeschoben.

 

Dabei war es dann nachher ganz leicht.

 

Klar haben die allermeisten freundlicherweise schon auch Bedauern signalisiert: „ja, von uns ist das schade. Aber wenn das für dich das richtige ist - dann mach doch! Wir gönnen dir das. Ist gut.“

 

Ich hatte die Großzügigkeit meiner Mitmenschen total unterschätzt.

 

Und ich fürchte, auch mit Gott passiert uns das ständig:

 

Den unterschätzen wir.

Wir unterschätzen seine Großzügigkeit, trauen uns gar nicht recht, wirklich alles von ihm zu erwarten, auch zu erbitten,

 

dabei schenkt er uns das größte: den Sinn des Lebens.

 

den finden wir bei Gott!

 

Unterfordern wir unseren Glauben nicht,

Denn Gottes Wort ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben.

 

Jeder von uns kennt doch wahrscheinlich Phasen, da laufen wir wie im Hamsterrad. Mit Feuereifer vielleicht, wir gschaftln, wir bringen was vorwärts, wir spüren, wie gut es ist, dass wir da sind.

Gott sei dank bin ich wichtig.

 

Ich mag solche Momente. Für mich ist das ein gutes Gefühl.

 

Aber die anderen Momente, die gibt es auch.

 

Vielleicht in der midlifecrisis,

vielleicht in einem burn-out,

vielleicht in der Arbeitslosigkeit,

vielleicht mitten in einer Scheidung

oder in Krankheit.

 

Und kommen werden sie vermutlich für jeden von uns, spätestens auf dem Sterbebett, wenn wir nur noch daliegen, reglos vielleicht, scheinbar nutzlos jedenfalls, vielleicht gequält sogar oder bedrängt von Sorgen wie der Jakob auf seiner Flucht; ABER:

 

nicht der Erdboden tut sich auf und verschlingt uns, sondern wir können nach oben tasten, der Himmel steht über uns offen, die Herrlichkeit des Herrn geht auf über uns und wo wir liegen, da ist die Pforte des Himmels.

 

„Gott ist gegenwärtig!“ heisst es im Lied von Gerhard Tersteegen (EG 165), und in der sechsten Strophe:

 

„wie die kleinen Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“

 

Allein aus Gnade, allein durch die Schrift, allein aus dem Glauben,

denn Gottes Wort ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben.

 

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Sabbatheiligung oder: es kommt halt immer drauf an. PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Samstag, den 12. Oktober 2013 um 16:31 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

 

stellen Sie sich vor, Sie stehen nachts um halb drei mit dem Auto an der Ampel.

Es ist rot.

Ringsum: kein Mensch.

Rechts kommt nichts. Links kommt nichts. Im Rückspiegel: Dunkelheit.

Bleiben Sie stehen?

Warten Sie auf Grün?

 

Ich nehm an, manche von uns hätten erstmal eine Hemmung, einfach den Gang einzulegen und loszufahren.

 

Seit Kindertagen wurde uns eingebläut, bei Rot stehenzubleiben, und in der Fahrschule lernen wir, dass das einen Haufen Strafe kostet, wenn man trotzdem fährt.

 

Mindestens so verinnerlicht hatten die frommen Juden zur Erdenzeit Jesu das Sabbatgebot: dass man am Sabbat nicht arbeiten darf, nicht wandern, nicht kochen und eben auch nicht ernten.

 

Und deshalb auch keine Ähren ausraufen und Spelzen abschälen, und es drohten wesentlich drakonischere Sanktionen als nur ein paar Punkte in Flensburg und eine Geldstrafe: wer das Sabbatgebot bricht, gefährdet die Ankunft des Messias und kann aus dem Volk Israel verstoßen werden.

 

Welche Regeln gibt es schon, die für uns heute im Glauben, im Bereich der Religion ähnlich unumstößlich sind?

 

Der Kirchgang ist es sicher nicht.

Und auch nicht allgemein die Sonntagsruhe, die Heiligung des Tages der Auferstehung als dem Ruhetag der Christen.

 

Ich sag zwar schon gerne, nur halb scherzhaft: „sonntags gehören Sie alle mir.“ Aber alle haben wir schonmal die Kirche geschwänzt.

 

Wir haben uns alle schon beim Bäcker getroffen, sonntags, wenns halt auch sonntags frische Semmeln geben sollte;

 

und viele haben sicher auch schon sonntags im Versandhandel eingekauft, was bestellt im Internet oder auch einfach selber am Sonntag arbeiten müssen.

 

Die Sonntagsruhe hat längst nicht die Stellung, die die Sabbatruhe in Israel hat, und die Sonntagspflicht wie bei den Katholiken, die haben wir nicht.

 

Im Gegenteil.

 

Grad die Evangelischen haben eher den Ruf, liberal zu sein; die Leute sagen mir oft, „bei euch Evangelischen gehts ja alles nicht so genau. Da ist alles lockerer.“

 

Das hör ich immer nicht so gern.

Weil es den Kern nicht trifft.

 

Wir sagen nicht: „es ist egal, ob ihr in die Kirche geht.“

Oder ob Sie sich scheiden lassen.

Oder ob Sie zum beichten gehen.

oder am Sonntag Semmeln vom Bäcker holen.

 

Egal ist es nicht, aber ich kann Ihnen nicht sagen, was für Sie richtig ist.

Sondern das müssen Sie mit Ihrem Gewissen klären,

und dann kommen möglicherweise voneinander total abweichende Einschätzungen dabei raus. Und alle können für den, den es grade betrifft, richtig sein.

 

Jeder muss immer selber nachdenken.

Keine Standardantworten für immer und alle.

Ich finde, das ist gerade nicht „locker“.

Sondern im Gegenteil zur Not, wenn mans ernst nimmt, richtig anstrengend.

 

Und auch die Szene da am Getreideacker mit Jesus und seinen Jüngern und dem Ährenausraufen sollten wir uns nicht zu beiläufig vorstellen, oder irgendwie „locker“, und schon gleich gar nicht haben sich die Jünger völlig selbstverständlich über das Sabbatgebot hinweggesetzt.

 

Sondern Jesus muss sie im Gegenteil explizit dazu aufgefordert haben, diese Ähren abzuernten, und er hat ganz sicher erstmal von seinen Freunden geradezu konsternierte Blicke geerntet. Das war ein Tabubruch. Wozu?

 

So einen unglaublichen Hunger werden sie nicht gehabt haben, dass es eine überraschende Notlage war; der Sabbat kam genauso wenig überraschend wie jede Woche.

 

Hier wollte Jesus offensichtlich grundsätzliches debattieren, das war kein Gelegenheitsgespräch an passant. Eher ein Krisengespräch (am Sofa?), über die Frage:

 

Wie stehen wir zu den Geboten? Wie gehen wir mit Strukuren um, mit guten Ordnungen unserer Tradition?

Was ist verbindlich, was nicht? und woher weiß man immer, was jetzt grad richtig ist und was falsch und was vielleicht auch einfach egal?

 

Vielleicht haben Sie schon Situationen erlebt, da waren Sie grundsätzlich völlig im Recht. Und trotzdem hat es sich falsch angefühlt, auf sein Recht zu pochen - zur Not haben Sie es spätestens hinterher gemerkt - weil dabei eine Lieblosigkeit herauskam, eine Respektlosigkeit, Unfreundlichkeit oder Unbarmherzigkeit. Mir ist das schon passiert. Nicht nur einmal.

 

Und das kann nicht im Sinne von Jesus sein. Völlig gleich, was die Strukturen, die Vorschriften, die Ordnungen oder das sogenannte gute Recht sagen.

 

Mehr als alles andere möchte Jesus von uns wohl, dass wir achtsam sind - achtsam mit uns selbst und mit anderen. Achtsam, barmherzig und liebevoll.

 

Bei „barmherzig“ fällt einem schnell der barmherzige Samariter ein, als die Geschichte für alle unter uns, die so einen Persönlichkeitsanteil von Mutter Teresa haben und sich gern für andere aufopfern:

 

Schließlich ist der Gag der Geschichte scheinbar, dass da einer alles eigene hintanstellt und nur auf den anderen eingeht. Oder doch nicht? Ich behaupte, es geht beim barmherzigen Samariter um ganz was anderes.

 

Vor dem Samariter sind ein Priester und ein Levit an dem Mann vorbeigekommen, der da blutend im Straßengraben lag. Sie sind vorbeigegangen und haben nicht geholfen.

 

Aber nicht, weil Priester und Leviten per se schlechte Menschen sind. Oder weil sie keine Lust gehabt haben. Sondern weil es feste Vorschriften gibt, die sagen, „wenn du Gottesdienst halten musst, darfst du nicht unrein sein, und wenn du Blut berührst, bist du unrein.“ Sie waren auf dem Weg zum Gottesdienst. Die haben sich an die Gesetze gehalten.

 

Und damit haben sie es - wohlgemerkt - in diesem Fall falsch gemacht.

 

Der Samariter ist über Gesetze weggegangen. Der wär auch über die rote Ampel gefahren - wenn es nötig gewesen wäre, um zu helfen, denn die Ampel ist für die Menschen da und nicht der Mensch für die Ampel.

 

Und in diesem Fall war das richtig.

 

Das ist die message der Geschichte vom barmherzigen Samariter: Manchmal kann es richtig sein, sich über Gesetze und Ordnungen hinwegzusetzen.

 

Manchmal schaffen Strukuren Ordnung und helfen, einander gerecht zu werden. Und manchmal braucht es ein aufmerksames, achtsames Gewissen, um Strukuren beiseite zu lassen, vielleicht zu übergehen und zu verletzen, um dem anderen liebevoll und barmherzig gerecht zu werden.

 

 

Und in dasselbe Horn wie die vom Samariter stößt heute die Geschichte mit den Ähren am Feldrand.

Hier nimmt Jesus in Kauf, dass die anderen beleidigt sind, empört, ganz aus der Fassung, er stellt die Strukturen in Frage.

 

Strukturen sind für sich nichts Verkehrtes.

Aber sie nehmen uns nicht das Nachdenken ab, und selbst da, wo vielleicht die Hand zurückzuckt, weil man das doch nicht darf, da kann es sein, dass Jesus aber nickt und sagt, „nur zu! Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen!“

 

Und da, wo ich auf den Tisch hauen will und rufen, „das ist mein gutes Recht! Das will ich so haben, das steht mir zu, das darf ich so machen!“, da kann es sein, dass Jesus mir sozusagen begütigend die Hand auf den Arm legt und sagt, das ist schon richtig. Das ist dein gutes Recht.

 

Aber liebevoll ist es nicht. Nicht respektvoll, nicht freundlich, nicht barmherzig. Dabei ist nichts wichtiger als die Barmherzigkeit und die Liebe.

 

Denn genau genommen berät und entscheidet für uns nicht unser Gewissen, sondern zunächst Jesus Christus, idealerweise. Und unser Gewissen gibt uns dann lediglich weiter, was Jesus wollen würde. Was Jesus will.

 

Drum ist es so wichtig, sich mit der Bibel zu befassen und auf diesem Weg Gott kennenzulernen: damit wir dabei unser Gewissen schulen und es so prägen, dass es denkt und entscheidet wie Jesus Christus.

 

Wenn schon nicht ich als Ganzes, dann doch wenigstens mein Gewissen.

 

Und der klassische Weg, um das Gewissen zu schulen in religiösen Fragen, ist der Gottesdienst und die Gemeinde, hier schließt sich der Kreis zur Frage, ob nun ein Evangelischer sonntags in die Kirche gehen muss. Obwohl es keine Sonntagspflicht gibt bei uns.

 

Natürlich können Sie auch im Wald beten oder am Berg oder bei der Gartenarbeit, und natürlich kann man auch allein in der Bibel lesen und einem religiösen Buch und mit Freunden über Gott und die Welt diskutieren.

 

Und viele tun das auch und kommen Gott dabei näher als wenn ich predige und wir gregorianische Psalmen singen. Das sind dann highlights, die einen im Glauben spürbar weiterbringen und viel bedeuten, und ohne die gehts wahrscheinlich auch gar nicht.

 

Aber wie oft haben wir solche highlights, solche Erlebnisse?

Einmal im Leben? Zweimal? Dreimal im Jahr? Möglicherweise nicht oft - schon gleich gar nicht wöchentlich.

 

Um aber wirklich unser Gewissen zu schulen, so dass es wie Jesus denkt und fühlt und berät, dazu braucht es oft Impulse. Regelmäßig. Wiederkehrend. Zuverlässig.

 

Ich würd mal sagen: wöchentlich ist nicht zu viel, und da ist der Gottesdienst dann besser als nichts.

 

Drum halt ich ihn für lebensnotwendig, wenn jemand mündiger und entscheidungsfähiger, verantwortungsbewusster Christ ist. Der Gottesdienst ist für den Menschen da. Nicht der Mensch für den Gottesdienst. Und der Gottesdienst ist wichtig zum Leben und zum Glauben.

 

Aber das ist nur meine Meinung.

Vielleicht sehen Sie das ganz anders, und für Sie ist was anderes wichtig.

Das müssen Sie für sich selbst wissen -

 

und entscheiden, in großer Achtsamkeit für sich selbst und im engen Gespräch mit einem gut geschulten Gewissen.

 

Genauso wie bei der Frage nach der Ehescheidung, nach dem Einkaufen am Sonntag, oder der Beichte oder den vielen, vielen anderen ethischen Fragen im Alltag.

 

Strukuren und Ordnungen sind für die Menschen da und nicht andersrum;

 

nicht unser gutes Recht soll sich durchsetzen, sondern die Liebe.

 

nicht die Jünger sind Herren über den Sabbat, sondern der Menschensohn, also Jesus;

 

und nicht wir sollen immer unsern Willen kriegen, sondern Gott. Amen.

 

Und der Friede Gottes...

 

 

 

 

 

 
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