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Predigten
Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Montag, den 17. Oktober 2016 um 08:14 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

"ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke..." -

da sieht jeder von Ihnen jemanden vor sich, im Geiste. Hoffe ich.

Wo Sie sagen: "Gott sei Dank, dass ich den hab/die hab....!"

Jemand, der Ihnen besonders gut tut...

Jemand, der Ihnen besonders nahe steht...

Jemand, der Ihnen schonmal eine große Hilfe war...

Jemand, von dem man liebevoll durchaus sagen könnte: "dich schickt der Himmel!"

"du bist doch ein Engel!"

"Gott sei Dank",

das heisst ja dann:

Das verdanke ich Gott, dass du da bist.

Da hat Gott seine Hand im Spiel, dass es mir mit dir gutgeht,

dass ich bei dir Hilfe finde;

und das wertet dann ja dieses Schöne nochmal extra auf,

wenn es nicht einfach nur glücklicher Zufall ist -

sondern Absicht. Gottes Absicht. Geschenk des Himmels.

Für uns.

"Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke!"

Ich hatte mal zwei echt schwierige Grundschulklassen. Immer Mittwoch vormittag;

jeweils gut zwanzig Kinder, die sind mir über Tische und Bänke getobt;

mittags nach diesen vier Unterrichtsstunden war ich regelmäßig schweißgebadet und heiser.

Ich war so froh, wenn ein schulfreier Tag auf den Mittwoch fiel... -

...und wenn nicht? wenn klar war, diesen Mittwoch muss ich da wieder hin? dann war ich ziemlich oft schon am Dienstag nachmittag grantig.

Irgendwann hab ich die Schülerlisten genommen. Insgesamt mehr als vierzig Namen... und ich hab mit Buntstift dick oben drüber geschrieben:

"Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke!"

Und ich hab versucht, diese Buben und Mädchen nicht nur als kleine Monster zu sehen,

sondern als Kinder Gottes.

Da hab ich viel Phantasie dafür gebraucht; auch viel guten Willen....

Ich konnte sie nicht wirklich gut unterrichten.

Sie haben mir leider nicht zugehört.

Aber im Lauf eines langen, lauten und harten Schuljahres hab ich sie wenigstens nicht gehasst. Ich hab sie im Gegenteil manchmal bewusst in mein Nachtgebet eingeschlossen, wenn auch manchmal zähneknirschend.

Sieht da jemand von Ihnen auch jemand vor sich?

Der einen an die eigenen Grenzen bringt?

der einen mit den Zähnen knirschen lässt?

und einem die Laune verdirbt?

"ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke..."

Damit ist das Problem nicht gelöst - aber trotzdem schon viel gewonnen....

Warum?

Was ändert sich dadurch?

Ich glaube nicht, dass mir Gott die schwierigen Schüler zugedacht hat, um mich zu quälen, auch nicht, um mich beten zu lehren oder Demut oder auch nur Geduld.

Meine schwierigen Schüler sind keine Strafe Gottes,

und ich muss Gott nicht dafür danken, dass sie rumschreien und U-Hakerl schießen und faul sind.

Ich danke Gott nicht dafür, dass mir mein Unterricht dort keinen Spaß macht.

Aber: wenn auch der Unterricht keinen Spaß macht,

dann sind die Schüler trotzdem Gottes Geschöpfe.

Wenn ich sie anschau

und ich halt mir dabei vor Augen,

dass sie auch von Gott gemacht,

auch von Gott gewollt und geliebt sind, genau wie ich,

dann sind sie immerhin nicht mehr meine Feinde.

Damit ist viel gewonnen.

Gott ist nicht mein Feind;

und meine Mitmenschen?

die sind von Gott geschaffen und sind auch nicht meine Feinde.

Vielleicht benehmen sie sich so.

Aber sie stammen aus derselben Werkstatt,

aus derselben Hand Gottes wie ich auch.

Mich haben meine Schüler damals an meine Grenzen gebracht -

wer bringt Sie an Ihre Grenzen?

Auf die Palme?

Zur Weißglut?

Stellen Sie sich den oder die genau vor -

und setzen Sie dann dieses Bibelwort vom Paulus als Überschrift über dieses innere Bild:

"ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke..."

Viel verlangt.

Aber so wird mir bewusst, wo die Welt her ist, in der ich lebe.

Wer die Erde in seiner Hand hält, auf der ich mein Leben verbringe;

und wenn er die ganze Welt in seiner Hand hält -

dann kommt von ihm auch das, was so Tag für Tag und Woche für Woche mein Leben bestimmt.

Und wenn der liebe Gott auch den Menschen gemacht hat, der mich grad nervt -

dann sollte ich ihn, diese Nervensäge, vielleicht trotzdem zumindest nicht hassen.

"Dankbar" sollen wir sein - aber nicht für alles und jedes. Nicht wahllos.

Oft hör ich von Ihnen, ich muss dankbar sein, dass es mir noch so geht, wie es mir geht.

"Schlimmer geht immer!"

"Ich bin dankbar, wenn ich allein für mich sorgen kann."

"Danke für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück,

danke für alles frohe, helle - und für die Musik"...

Ich kenn auch Zeiten, da gelingt mir das überhaupt nicht. Gar nicht.

Von Dankbarkeit bin ich meilenweit entfernt;

Da kommt mir alles schwarz und trostlos vor;

wenn mir dann jemand kommt und sagt, sei doch dankbar -

da werd ich echt grantig.

Es gibt mancherlei, dafür kann ich nicht dankbar sein,

das wär zynisch.

So wie man früher Kinder verhauen hat und sie gezwungen hat, dass sie sich dann noch dafür bedanken. Unser Gott ist nicht zynisch.

Aber: in der Bibel steht auch nicht, dass wir für alles dankbar sein sollen,

sondern dass wir in allem, auch in allem Dunklen und Bitteren, trotzdem noch sehen sollen, wofür wir dankbar sein können.

Und das sind sicher keine Grausamkeiten

und nicht, dass alles noch schlimmer sein könnte;

wir danken nichtmal nur dafür, dass wir hier, auf der Erde, "leben dürfen", es gibt nämlich durchaus auch Zeiten, da will ich noch nichtmal mehr das. Noch nicht mal mehr leben.

Manche Menschen leben ausgesprochen schlecht in ihren Tagen auf Erden,

und das sicher auch nicht durch Gottes Wille.

Deshalb müssen sie auch nicht dankbar sein, dass sie leben!

Sondern dankbar können wir sein,

dass wir nicht im rechtsfreien Raum leben,

sondern dass diese Welt einen Hausherren hat, einen obersten Chef,

und der steht auf der Seite der Menschen.

Immer. Unbedingt.

Gott ist parteiisch, für die Menschen.

Er hat sich mit ihnen versöhnt!

Wir haben Frieden mit dem Herrn dieser Welt!

Dafür können wir tatsächlich dankbar sein,

denn das ist nicht selbstverständlich -

und gleichzeitig kommt es allem voran darauf an.

Das is fast das einzige, was wirklich zählt:

"Wir danken Gott für seine unaussprechliche Gnade", steht in der Bibel.

Wir danken Gott, dass wir in Frieden leben mit ihm.

Und, genauso wichtig:

dass wir hier, auf Erden, nicht bleiben müssen. Wir nicht, und alle anderen auch nicht - dass diese Welt nicht alles ist, und dass wir auch nicht zur Hölle fahren NACH dem Leben auf dieser Welt,

sondern dass wir von Gott herkommen, von ihm gewollt und geschaffen sind, und dass wir auf ihn zuleben und auf die Vollendung, und dass wir ihn hier, unterwegs, als Unterstützer auf unserer Seite haben.

Denken Sie an die Geschichte mit Petrus und seinen Freunden.

Die haben die ganze Nacht geschuftet -

aber die Netze sind leer.

Dann kommt Jesus und schafft ihnen an, sie sollen nochmal rausfahren;

Petrus sagt, wir haben schon alles versucht,

aber "auf dein Wort hin" wollen wir nochmal rausfahren;

sie fangen so viel, dass die Boote beinahe sinken,

und dann sagt Jesus, von nun an wirst du Menschen fischen.

Wofür ist der Petrus jetzt dankbar?

Nicht für die leeren Netze am Anfang, vermute ich.

Auch nicht dafür, dass sie nochmal die ganze Nacht haben fischen müssen.

Und ich glaube sogar, es geht ihm am Ende gar nicht um die zwei Boote voll Fisch;

die sind bald wieder weg, und sie sind wieder arm und angewiesen drauf, dass sie was fangen.

Petrus ist dankbar, dass er dem Herrn begegnet ist.

Dass er gemerkt hat: ich bin Bestandteil von Gottes Plänen mit dieser Welt,

und dieser Gott ist so mächtig:

zwei Boote voll Fisch zu kriegen am hellichten Tag ist für den kein Problem!

Denken Sie dran, wenn Sie wieder dem Menschen begegnen, an den Sie vorhin gedacht haben:

der Sie auf die Palme bringt,

zur Weißglut,

und über dem Sie sich als Überschrift vorstellen sollen:

"ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke..."

Auch Sie sind Bestandteil von Gottes Plänen mit dieser Welt.

Auch das, was in Ihrem Leben passiert -

und am Ende leben wir nicht auf die Apokalypse zu, auf den Weltuntergang,

sondern auf die Vollendung und auf Gottes unaussprechliche Gnade.

Dafür können wir dankbar sein. Immer.

 
Konfirmation PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Donnerstag, den 13. Oktober 2016 um 15:03 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

am Ende vom Konfikurs gibt es eine Prüfung.

Psalm 23, das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote, die Sakramente und ihre Bedeutung, das Vaterunser....

Die Konfirmanden mussten das an Stationen mit den Konfileitern besprechen, und wenn die fanden, der Konfi/die Konfirmandin weiß genug zu dem Thema, dann haben sie eine Unterschrift gegeben. Und wer alle Stationen durch hatte und mit den Zetteln zu mir kam, der hat bestanden.

Und dann kamen die Konfis und haben mir die Zetel gezeigt und gefragt, dürfen wir die behalten?

Ich hab mich gewundert, freilich, bitte, aber wozu?

Und die Konfi wurden ein bißchen verlegen und sagten:

da sind jetzt die Unterschriften von allen Leitern drauf, und die wollen wir aufheben...

Mann, ich plag mich, denen was kostbares beizubringen,

und auf was kommts ihnen an?

- auf die Autogramme.

Und genau so wird es uns allen mal gehen, wenn wir im Rückblick beurteilen, was entscheidend war für unser Leben: mit allem möglichen haben wir uns rumgeschlagen, uns Mühe gegeben,

und auf was wird es ankommen? vielleicht auf ganz was anderes, als wir gemeint haben.

Nicht ob wir gut ausschauen, und nicht, ob wir gute Noten haben, und nicht, ob wir cool sind oder reich oder klug.

Sondern auf ganz was anderes. Auf den Glauben.

"Habts was gelernt im Konfirmandenkurs?", hab ich euch gefragt.

und mehrere haben gesagt, ich hab echt nicht gewusst, dass das mit dem Glauben so wichtig ist.

Mit dieser Antwort bin ich schon hoch zufrieden, das ist wichtiger als Psalm 23 und das Glaubensbekenntnis zusammen: dass das mit dem Glauben wichtig ist.

Vielleicht kommt uns der Glaube jetzt manchmal nebensächlich vor -

aber am Ende gibt es nichts wichtigeres als die Frage nach Gott.

(Es sei denn, es gibt ihn nicht. Okay.

Aber wenn es ihn gibt - dann gibt es nichts wichtigeres!)

Dass man a bisserl was über ihn weiß,

dass ma sich immer mal wieder mit ihm beschäftigt

und vor allem, dass man ein bißchen Vertrauen fasst zu ihm

und ihm näher kommt.

Und ihn auch näher an sich selber heranlässt,

ihn bisschen Einfluss nehmen lässt auf das eigene Leben,

und sich nach ihm richtet.

Letztlich soll Gott in euer Leben treten, wie die großen Jugendlichen jetzt im Kurs in euer Leben getreten sind. Vielleicht habt ihr sie am Anfang noch gar nicht besonders gekannt. Vielleicht habt ihr euch gefragt, warum befassen die sich mit uns? warum machen wir Spiele miteinander? wieso kochen die für uns? Sehr seltsam...

Aber mit der Zeit seid ihr bisschen vertraut geworden miteinander.

Und ihr habt gemerkt, die spielen mit uns und die kochen für uns,

die sorgen für uns und sind für uns da -

einfach nur, weil sie es gut mit uns meinen.

Einfach nur, wie es einer beim Schlussgottesdienst auf der Freizeit gesagt hat,

"es macht Spaß, für euch da zu sein."

So geht es Gott auch.

Er meint es gut mit euch.

Es macht ihm Spaß, für euch da zu sein.

Auf der Konfirmandenfreizeit jetzt in den Sommerferien war es ja phasenweise sehr lebhaft;

nachts, zum Beispiel, draußen, als die Ines entführt worden ist und ihr sie wieder befreien solltet; ich war am Haus zurückgeblieben und hab sie nur immer mal irgendwo in de Dunkelheit schreien gehört....

oder bei strahlendem Sonnenschein am Pool;

immer haben sie auf die Frisuren geachtet und aufs Outfit, Jungs und Mädchen,

aber am Pool war das plötzlich wurscht, Frisuren, Make-up, Klamotten, egal, und sie sind unermüdlich gehüpft und getaucht und geplanscht und gekreischt...

Gegen Ende der Freizeit gab es aber eine ganz andere Einheit.

Da wurde es ganz still und friedlich im Haus.

Da haben sie sich immer zu zweit zurückgezogen, man hat sie allenfalls flüstern gehört, und sie haben gegenseitig Gipsabdrücke gemacht von den Gesichtern.

Da liegt jeweils einer da, Augen zu, und der andere legt den nassen Gips auf und streicht ihn vorsichtig glatt, immer wieder, viele Lagen... wenn das ganze trocken ist, kann man es abnehmen.

Und dann Platz wechseln.

Ich war ganz gerührt: alle haben den Mund gehalten, die Augen geschlossen, sich dem anderen anvertraut, sich anlangen lassen...

zwei haben sogar während der Trockenphase den Platz gewechselt.

Der mit der Gipsmaske war also blind.

Der andere hat ihn nicht etwa am Arm genommen und geführt,

sondern er hat mit deutlichem Abstand per Zuruf dirigiert: gradeaus...weiter rechts....weiter links... Und der andere hat sich den Anweisungen nach vorangetastet.

Das ist Vertrauen! Vor allem, weil der, der ihn dirigiert hat, dauernd rechts und links verwechselt hat. Aber sie sind heil angekommen am Ziel. Da hat sich einer ganz auf de anderen verlassen.

So ein Gottvertrauen möcht ich euch wünschen.

So eine tiefe Vertrautheit mit Gott, dass ihr euch leiten lasst, zur Not sogar blind,

und mit seiner Hilfe und Anweisung heil ankommt im Ziel.

"Der Herr ist mein Hirte!",

am Psalm 23 trennte sich ja unser Konfikurs in die Schülerinnen und Schüler von Herrn Greese und alle anderen - die vom Herrn Greese kennen den Psalm 23 im Schlaf. Die anderen müssen ihn lernen.

Und ich finde, auch alle Eltern und Großeltern sollten den Psalm 23 kennen,

den könnten die Konfirmierten heute nachmittag all ihren Festgästen beibringen!

Denn mehr und mehr müssen alle Mütter und Väter jetzt ihre Söhne und Töchter frei lassen, können nicht mehr auf Schritt und Tritt für sie sorgen und alle Schwierigkeiten lösen oder gleich fernhalten;

als Mütter und Väter kommen Sie jetzt mit ihren Möglichkeiten an ihre Grenzen.

Aber jedes Schäfchen aus Gottes Herde hat ja nicht nur ein Mutterschaf und ein Vaterschaf, hat nicht nur die vielen Verwandten aus der Herde drumrum - sondern alle haben außerdem noch einen Hirten.

Alle Jugendlichen hier haben als Unterstützer ihre Familie und Freunde,

auch die Jugendleiter, manchen Lehrer vielleicht oder Paten, oder Trainer;

und ihr habt - wie einen guten Hirten, außerdem noch den lebendigen Gott als den stärksten Unterstützer des Universums an eurer Seite.

Bei der Taufe hat Gott die Hand nach jedem und jeder von euch ausgestreckt und gesagt,

"komm, wir zwei meistern dein Leben gemeinsam.

Wenn du das willst."

Und seither hat Gott gewartet. Auf deine Reaktion. Darauf, ob du einschlagen willst in sein Angebot, ob du deine Hand in seine legen und dich ihm anvertrauen willst.

Drei von euch haben gestern abend schon selbst bewusst Ja gesagt, haben eingeschlagen und sich taufen lassen; ihr anderen seid als Kinder getauft worden und werdet jetzt erstmals selber gefragt,

wollt ihr denn eigentlich evangelisch sein?

Wollt ihr in Gottes Herde bleiben, wollt ihr auf ihn vertrauen?

Vielleicht kommt euch diese Frage letztlich nebensächlich vor an diesem Tag.

So viel anderes muss bedacht werden,

vorbereitet werden,

und die Gäste sind gekommen

und die Frisur muss sitzen

und es muss was zum Essen geben

und vielleicht auch Geschenke...

Aber der eigentliche Knackpunkt, das wichtigste dieses Tages,

dieses Konfirmationsfestes, ist deine Antwort, ob du auch in Zukunft mit Gott leben willst.

Ich frag euch nachher.

Ich hoffe, ihr antwortet alle: Ja, mit Gottes Hilfe.

Und am Ende, davon bin ich überzeugt, ist das die wichtigste Frage, die dir im Leben je irgendjemand stellen wird,

und sie stellt sich letztlich jeden Tag wieder:

lebst du mit Gott? Glaubst du an Gott? Lässt du Gott mitbestimmen in deinem Leben? Vertraust du ihm? Willst du ihm die Führung überlassen und ihn an die erste Stelle stellen?

Ich hoffe: Ja, mit Gottes Hilfe.

Und der Friede Gottes...

 
Erntedank 2016 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Dienstag, den 04. Oktober 2016 um 07:54 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

gestern saß ich auf der Terrasse;

ich wärmte mir die Finger an meiner Frühstückskaffeetasse

und warf noch einen Blick in die Süddeutsche.

Danach wollt ich mich dann an meinen Schreibtisch setzen,

den Gottesdienst vorbereiten.

Im Serviceteil informieren die Kirchen über das Angebot heute:

vierzehn evangelische Gottesdienste an einem einzigen Vormittag hier in München;

soll ich mich jetzt wirklich hinsetzen und einen fünfzehnten entwerfen?

Ist das wirtschaftlich? Ist das notwendig? Ist das sinnvoll?

Ich hab das gemacht.

Ich kenn zwar viele Kollegen,

aber - ich hab mir nicht deren Manuskripte zuschicken lassen, um Ihnen einfach die vorzulesen.

Wäre ja denkbar. Mach ich auch manchmal.

Aber es ist nicht die Regel, warum eigentlich nicht?

Beim Kino läuft ja auch ein und derselbe Film in vielen Theatern.

Oder wir könnten es machen wie die Banken und die Post, unsere Filiale zusperren:

und die, die Gottesdienst feiern wollen, die verteilen sich auf die anderen Kirchen, auf die vierzehn oder mehr Gottesdienste in München.

Alle anderen feiern schließlich auch heute Erntedank,

alle haben vermutlich eine irgendwie ähnliche Dekoration am Altar,

singen aus dem selben Gesangbuch und lesen sogar die selben Abschnitte aus der Bibel.

Und trotzdem ist genau das hier heute Ihre Kirche, Ihre Gemeinde, Ihr Gottesdienst -

genau hier fühlen Sie sich vielleicht besonders zu Hause,

haben vielleicht sogar einen Stammplatz,

eine Geschichte mit diesem Raum;

vielleicht spüren Sie Gottes Nähe in Ihrer eigenen Kirche ein bißchen deutlicher,

kennen vermutlich das eine oder andere der Gesichter um Sie herum,

haben hier schon öfter mal wichtige Feste erlebt, vielleicht Weihnachten, vielleicht Ostern, vielleicht eine Hochzeit oder - wie unsere Jugendlichen nächste Woche, die eigene Taufe oder die Konfirmation.

Und selbst wenn jemand nur selten sonntags hierher kommt,

oder eigentlich nie,

trotzdem weiß in Garching hoffentlich fast jeder, wo Laudate ist,

wo er oder sie einen Pfarrer findet, falls er mal einen braucht, weil er oder sie kirchlich heiraten oder ein Kind taufen lassen will oder einen Angehörigen kirchlich beerdigen lassen möchte.

Deshalb bleiben viele evangelische Garchingerinnen und Garchinger Mitglied der Kirche, treten nicht aus der Kirche aus, sondern tragen und finanzieren die Kirche durch ihre Kirchensteuer und fühlen sich ihr vielleicht auch irgendwo verbunden und zugehörig.

Gar nicht mal nur wegen der Prominenz in der Kirche - dem Herrn Bedford-Strohm oder Margot Käßmann oder Frau Breit-Kessler, sondern Ihretwegen.

Dass es noch Kirchenmitglieder gibt in Garching,

etwa 2500 - das liegt an Ihnen.

Das liegt an Ihnen, die Sie öfter und aktiv dabei sind,

die Sie sich identifizieren mir Ihrer Gemeinde,

so sehr, dass Sie sich engagieren,

Gemeindebriefe austragen, Blumen für den Altarschmuck bringen,

im Kirchenvorstand und im Mesnerdienst mitwirken,

Besuche machen, im Chor singen,

beim Kindergottesdienst, bei der Kinderbibelwoche mitarbeiten oder im Konfikurs, im Zeltlager oder auf Kinderfreizeiten, beim Kirchenkaffee, bei der Spätlese, am Straßenfest, als Kirchenpfleger oder im Verkauf von Waren aus fairem Handel oder

mit Hilfe beim Streichen und Reparieren und Pflegen von Haus und Grundstück.

Andere Menschen, die sich nicht engagieren,

die haben eines Tages vielleicht ihre Gehaltsabrechnung in der Hand und sehen die Kirchensteuer und fragen sich:

"Warum gehör ich da eigentlich noch dazu, zur Kirche?"

Ist schließlich nicht ganz billig.

Und dann fallen Sie Ihnen ein.

Mitarbeitende der Kirchengemeinde,

echte Menschen mit Gesichtern und Namen.

Sie sind die Kommunikationskanäle der Kirchengemeinde.

Sie bringen Gemeindebriefe in die Häuser, sie stehen an den Zapfanlagen und Kaffeemaschinen der Laudatekirche, sie geben dem Chor Ihre Stimme,

Sie geben der Gemeinde ein Gesicht.

und Sie stehen für eine Gemeinschaft,

für eine Institution,

Sie sind Repräsentanten und Bürgen -

und das finden die Leute gut,

dass es Sie gibt, und dass es Ihr Engagement gibt,

dass es ihre Kirchengemeinde gibt.

Und deshalb bleiben sie Mitglied.

Bleiben der Kirche, der Kirchengemeinde verbunden, auch wenn sie kaum je auftauchen.

Ich sehe ja oft Menschen zu einem punktuellen kirchlichen Anlass, einer Amtshandlung, meistens als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner bei einer Beerdigung.

Und leise bewegt mich eine Hoffnung,

die erfüllt sich fast nie:

Ich stell mir immer vor:

wenn ich das gut genug mach, dann müssten doch eigentlich alle Ausgetretenen wieder eintreten.

Und alle, die diese Kirche kaum je von innen gesehen haben, die müssten doch eigentlich künftig jeden Sonntag kommen und mitfeiern und regelmäßige Kirchgänger werden.

Das funktioniert aber nicht. Nur ganz, ganz selten.

Auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe.

(Andersrum funktioniert es schon! Wenn ich es nicht ordentlich mach,

wenn ich schlampig bin oder schlecht vorbereitet oder lieblos,

dann treten die Leute manchmal aus aus der Kirche, verärgert. Zu recht verärgert.

Aber wenn es ein Pfarrer gut macht, treten sie deshalb noch lange nicht wieder ein.

Und durch einen ordentlichen Gottesdienst aus Anlass einer Hochzeit oder einer Beerdigung werden aus Menschen mit wenig Anbindung an die Gemeinde trotzdem keine fleißigen Kirchgänger. Jedenfalls nicht für fast jeden Sonntag im Jahr.

Genauso wenig wie durchs Gemeindebrieflesen oder dadurch, dass sie beim Straßenfest draußen unter unserem Kirchturm ihr Bier trinken.

Aber sie bleiben Mitglied.

Sie zahlen Kirchensteuer und sagen, ich bin und bleibe bewusst und gern evangelisch.

Und dafür bin ich dankbar.

Warum?

Klar, die Kirche ist mein Arbeitgeber, und es ist toll, wenn man wo arbeiten kann, wo man sich identifiziert;

aber auch um der Sache willen bin ich dankbar, dass die Kirche Arbeitgeber sein kann, dass sie sogar hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigen kann.

Nicht weil ein Pfarrer was Besonderes wäre und ohne uns wär die Welt verloren;

was ich beruflich tue, das kann theoretisch jeder.

Früher sind ja viele dieser Aufgaben vom Familienvorstand erledigt worden,

Kinder taufen, Kinder unterweisen im Sinne von Religionsunterricht und Kindergottesdienst,

am Grab eine Rede halten, ein Gebet sprechen,

Kranke besuchen,

Gottes Segen weitergeben an Konfirmanden und Brautpaare.

Aber vieles davon muss ja unter der Woche und tagsüber stattfinden.

Wer Geld verdienen muss, hat da keine Zeit,

und manchmal gibt es in den Familien eben auch keinen, der sich das zutraut.

Gäbe es keine Kirchengemeinden mit Mitarbeitenden, mit Pfarramtssekretärin und Diakon, mit Jugendbeauftragter und Pfarrerin, dann würde hier vielleicht die Kette abreissen,

die Kette der Botschafter, der Weitergabe der Frohen Botschaft von Gott,

seit der Erdenzeit von Jesus, den allerersten Gemeinden durch zweitausend Jahre Weltgeschichte und Kirchengeschichte hindurch bis heute.

Jesus hat keine Amtskirche gegründet,

keine Körperschaft des öffentlichen Rechtes mit Steuerprivilegien und Berufstheologen.

Aber wenn sich die nicht entwickelt hätte,

diese Institution,

dann hätten viele von uns, mich eingeschlossen, vermutlich von Jesus Christus nie was erfahren.

Das sieht man zum Beispiel an den Jugendlichen in der tschechischen Republik,

auch in der ehemaligen DDR;

ohne Kirche hätten wir vielleicht nie was von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist erfahren,

hätten keine Beziehung aufbauen können,

kein Vertrauen zu diesem Gott aufbauen und an ihn glauben können.

Wir würden vielleicht seine Nähe nicht oder weniger spüren

wir würden nicht mit ihr leben können,

nicht beten, nicht auf ihn hoffen.

Eine trostlose Vorstellung.

Im wahrsten Sinne ohne Trost und trostlos.

Aber es gibt Kirchengebäude, es gibt die Laudatekirche.

Da kann man hingehen, mit ihr kann man sich identifizieren,

vielleicht weil man damals mitgebaut hat oder mit finanziert

oder weil man dort im Keller Jugendparties mitgefeiert oder mitorganisiert hat,

oder weil hier zweimal im Jahr der Schulgottesdienst war.

Es gibt Menschen, die kennt man, die gehören dazu:

vielleicht haben die mitgebaut und mitfinanziert und mit organisiert und sich engagiert -

und die helfen gemeinsam mit, tun ihr Bestes, dass die Kirche weiter bestehen kann,

und damit auch unsere Urenkelkinder und deren Kinder

Gott kennenlernen und mit ihm leben können.

Menschen heute, in der Vergangenheit und in der Zukunft verdanken Ihnen und Ihrem Dienst ihr Gottvertrauen, ihren Glauben, die Hoffnung auf Gott,

auf Erfüllung, Vollendung und ewiges Leben.

Auch das ist Ernte, wie Äpfel und Getreide und Kartoffeln.

Dankbar besinnen wir uns auf die, die gemeinsam mit dem Heiligen Geist die Kirche am Leben halten, weil die Menschen bis heute die Kirche brauchen.

Auch wenn sie gar nicht hingehen.

Aber es ist wichtig, es ist notwendig, dass es sie gibt.

Nicht nur irgendwo, im Fernsehen, oder (wie heißt das bei Obi?) "vierzehn Mal in München",

sondern "einmal ganz in Ihrer Nähe":

mitten in Garching, in der Laudatekirche und ihrer Gemeinde.

Und auch für diese Ernte danken wir Ihnen, danken wir einander und danken wir Gott:

Es gibt eine evangelische Kirchengemeinde, eine Ortsgemeinde in Garching - Gott sei Dank.

Deshalb hab ich auch gestern morgen auf der Terrasse irgendwann meine Zeitung zusammengefaltet und weggelegt und bin an die Arbeit gegangen - weil diese Arbeit eine Bedeutung hat, auch wenn es vielleicht erstmal keiner merkt, und auch wenn immer irgendwer findet, des müsste man alles ganz anders machen.

Denken Sie dran, wenn Sie das nächste mal Ihr Packerl Gemeindebriefe aus dem Foyer holen und dann vielleicht seufzen, weil das Austragen mühsam ist. Weil man immer klingeln muss, damit einen jemand reinlässt, oder weil man Namen oder Adressen nicht findet;

denken Sie dran, wenn Sie Geburtstagsglückwünsche überbringen, oder wenn Sie sich vielleicht nach einem langen Arbeitstag noch aufraffen zu einer Sitzung vom Kirchenvorstand oder zu einer Probe vom Chor: Ihr Dienst hat eine Bedeutung, für Ihre Mitmenschen, für deren Gottvertrauen und für das Reich Gottes.

Denn Jesus selber sagt, "was Ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Amen.

 
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