Interview mit Dr. Claudia Häfner, Fachdekanin Bau und Immobilien, zum Strukturprozeß und der Gebäudabedarfsplanung
Über die Chancen der Konzentration
Regionalgemeinden werden die Kirche verändern
Im Dekanatsbezirk München wurden nach einem eineinhalb Jahre langen Prozess am 10. März 2026 zehn Nachbarschaftsräume gebildet, um die Gebäudebedarfsplanung durchzuführen. Diese Nachbarschaftsräume werden aller Voraussicht nach die von der ELKB geplanten Regionalgemeinden, für die bislang noch die konkreten rechtlichen Bestimmungen fehlen: Bisher sehr eigenständige und unabhängige Kirchengemeinden rücken näher zusammen, sollen enger zusammenarbeiten, Gebäude werden gegebenenfalls auch aufgegeben. Warum das nötig ist und wie das gehen soll, erläutert die Baudekanin des Dekanats Dr. Claudia Häfner im Interview.
Frau Dr. Häfner, als neue Fachdekanin für Bau und Immobilien organisieren Sie den Übergang zu Regionalgemeinden mit. Was erwartet die Gemeinden da konkret?
Die neue Landesstellenplanung, die 2027 beginnt und 2034 umgesetzt sein muss (mit einer ca. 25%igen Kürzung), wird sich an den Regionalgemeinden orientieren. D.h., dass zukünftig Stellen nicht mehr in der Kirchengemeinde angesiedelt sind, sondern in der Regionalgemeinde. Im Dekanatsbezirk München gehen wir derzeit von zehn Regionalgemeinden aus, die eine Größe zwischen 12.000 und 22.000 Gemeindegliedern haben. In einer Regionalgemeinde kommen vier bis neun Kirchengemeinden zusammen, dazu evangelische Einrichtungen und Dienste (bspw. Beratungsstellen). Eine große Chance sehe ich darin, dass ca. acht bis 15 Hauptberufliche in multiprofessionellen Teams in einer Regionalgemeinde gabenorientiert zusammenarbeiten.
Geht es also vor allem darum, kleiner zu werden, sozusagen zu wenig genutzte Gebäude loszuwerden? Wie wird bei der Bewertung und Auswahl vorgegangen?
Im Rahmen einer Gebäudebedarfsplanung werden bis Ende 2026 alle Gebäude (Kirchen, Gemeindehäuser, Pfarrhäuser) einer Kategorie zugewiesen: A (langfristig zu erhalten), B (bis 2035 zu transformieren), C (unverzüglich zu transformieren oder aufzugeben). Es ist notwendig, die Gebäudelast deutlich zu reduzieren und dadurch wieder mehr Luft und Lust für unsere eigentlichen Aufgaben zu gewinnen: Seelsorge, Verkündigung, Bildung. Unser Prozess ist eine Mischung aus Beteiligung der Menschen vor Ort und den leitenden Gremien wie dem Dekanatsausschuss, der das große Ganze im Blick hat und an der Vision einer Kirche arbeitet, die zwar kleiner ist, aber trotzdem leuchtet.
Regionalgemeinde heißt ja auch größer werden. Was könnten die Gemeinden z.B. künftig gemeinsam machen statt wie bisher getrennt?
Ich freue mich darauf, dass Kolleg:innen enger zusammenarbeiten können. Das motiviert, man kann sich gegenseitig ermutigen und mehr von dem tun, was einem entspricht. Die Gemeinden können zusammen Gottesdienstkonzepte erstellen und überlegen, an welchem Ort ein Schwerpunkt für Kinder und Familien sein könnte, wo eher Kunst und Musik oder für Singles themenorientierte Formate stattfinden könnten. Eine große Entlastung erhoffe ich mir in puncto Verwaltung. In einem gemeinsamen Büro sind die Assistenzen nicht mehr allein, sie unterstützen sich gegenseitig und sind flexibler.
Gemeinde, Kirchen, Gebäude sind auch ein sehr emotionales Thema. Wie begleitet man Mitglieder beim Trennungsschmerz, beim Loslassen?
Als Theolog:innen sind wir Profis fürs Abschiednehmen. Entwidmungen werden in den Gemeinden mit Gottesdiensten gefeiert. Es wird viel im Vorfeld darüber gesprochen. Eine junge Kollegin, die kürzlich eine Kirche in einem anderen Dekanat schließen musste, erzählte, dass der schmerzliche Prozess für die Menschen in gewisser Weise auch befreiend gewirkt hätte. Sie haben gespürt, dass mit dieser Abgabe von Verantwortung plötzlich Zeitressourcen für ihre Ideen und deren Umsetzung frei geworden sind. Trotzdem bleibt der Schmerz. Menschen haben mitgebaut oder ihre besten Jahre in diesen Räumen verbracht. Familien blicken auf „ihre Kirche“ und erinnern sich: Hier wurden unsere Kinder getauft, hier haben wir geheiratet, hier haben wir Abschied von unserem Großvater genommen.
Wie geht es Ihnen persönlich mit dem Prozess? Ich stelle mir vor, die Organisation einer solchen Veränderung ist nicht gerade leicht. Was macht Sie zuversichtlich?
Ich bin tief in meinem christlichen Glauben verwurzelt und mag Veränderungen. Und betrachtet man die christliche Kirche weltweit, kenne ich Schwestern und Brüder, die mit sehr viel weniger auskommen müssen als wir und dabei manchmal viel fröhlicher und zuversichtlicher sind. Insofern mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Trotz aller Gelassenheit: Es kostet sehr viel Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit. Last but not least: Ich bin nicht allein, wir sind ein Team und ich vertraue auf Gottes Hilfe. Wir haben jetzt die Chance unsere Arbeit – unser Kirchenbild – zu überdenken und neu zu gestalten.
Das Interview führte Alexander Schaffer.
